Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
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in ſeinem Selbſtbewußtſein den Schlüſſel zum Verſtändnis des Ganzen hat, ſo iſt infolge des Sündenfalls dieſer verſchüttet, aber nicht verloren, wie das unerloſchene Gottesbewußtſein zeigt. Nach Günthers Darlegungenerklären ſich die Erſcheinungen im Leben der Völker wie der geſamten Menſchheit, in der ſozialen, Kultur⸗ und politiſchen Geſchichte, in der Kirchengeſchichte, in der Geſchichte der Wiſſenſchaft aus dem Weſen des Menſchen als der Syntheſe von Natur und Geiſt, die in dem ewigen Weltgedanken Gottes entſpringt, welcher in der erſten und zweiten Schöpfung, in der Kreation und Inkarnation verwirklicht iſt und in dem perſönlichen, durch die Welt ſein Nichtich realiſierenden Gott einen ewigen Plan vorrausſetzt, bei deſſen Verwirklichung Gott und Welt zuſammen⸗ wirken. Dieſer Plan beſteht darin, ſich als Schöpfer und Erlöſer in der Menſchheit eine würdige, aus freier Huldigung hervorge⸗ gangene Verehrung und Verherrlichung zu bereiten, die begründet iſt auf der in allen Gebieten des Lebens im Lauf der Zeit mehr und mehr in Übereinſtimmung mit der göttlichen Weltidee hervor⸗ tretenden Selbſtvollendung der Kreatur, die unter göttlicher Leitung und Erziehung ſteht. ¹) In der Geſchichtsphiloſophie Günthers ſind aufgrund des von der Baſis des Selbſtbewußtſeins aus⸗ gehenden Wiſſens die Angelpunkte der Darſtellungdie Ideen der Kreation und Inkarnation, die damit unzertrennlich verbundenen Ideen von den beiden Stammvätern des Menſchengeſchlechts in Adam und Chriſtus, ſowie die Ideen von der Aufgabe und dem Ziele der Menſchheit, welche unter göttlicher Leitung und Erziehung die vollkommenſte Verherrlichung Gottes als des Schöpfers und Erlöſers erſtrebt.2) Melzer hebt ganz richtig im Schlußſatz hervor, daß dieſe geſchichtsphiloſophiſche Auffaſſung nur unter der Vorausſetzung richtig ſei, daßin der Welt ein ſubſtantieller Dualismus von Geiſt und Natur gegeben, daß der Menſch ein Vereinsweſen von Geiſt und Natur iſt, und daß Gott und Welt weſentlich von einander verſchieden ſind. Und gerade in dem

1) Vergl. E. Melzer, Die theiſtiſche Gottes⸗ und Weltanſchauung als Grundlage der Geſchichtsphiloſophie. Neiße 1888, S. 33. Dieſes Schriftchen gibt eine gute überſicht über die Güntherſche Philoſophie.

²) Daſ. S. 80.