Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

nicht minder verſtand er es, den univerſalen wie nationalen Geſichts⸗ punkten gerecht zu werden und ſeine Schüler anzuregen, ſeine Quellen⸗ kritik auf das Mittelalter anzuwenden. Was ſeiner Geſchichtſchreibung aber den beſondern Reiz verleiht, iſt die künſtleriſche Darſtellung; mit Recht hat er daher ſelbſt ſeine Geſchichtſchreibung alsKunſt und Wiſſenſchaft zugleich bezeichnet. Und bei all dem iſt es beſonders bemerkenswert, daß er von dem Hiſtoriker nichts wollte, als daß er erzählen ſollte, wie es geweſen ſei. Damit war die Geſchichte allerdings wiederauf den elementarſten Begriff,(Wegele S. 1044) zurückgeführt. Mochte auch Ranke durch den Gegen⸗ ſatz zu der Darſtellungsart Schloſſers u. A. zu dieſem Satz ver⸗ anlaßt ſein, es kann heute nicht mehr geleugnet werden, daß er einſeitig und unhaltbar iſt; und daß es gerade die mühſame Auf rechterhaltung desſelben geweſen iſt, welche zu bedenklichen Ein⸗ ſeitigkeiten ſeiner Schule, ſowie zu unausgetragenen Differenzen unter den Hiſtorikern geführt hat, iſt nicht zu beſtreiten, muß jedenfalls hier noch einmal zur Erörterung kommen. Nur unter dieſer Beſchränkung kann ich demnach der zuſammenfaſſenden Darſtellung Wegeles S. 1042 zuſtimmen:Die gewonnenen Reſultate der Methode und der Technik der Forſchung werden ſchwerlich eine grundſätzliche Neuerung zu erfahren haben.

In entſchiedenem Gegenſatz zu Ranke hat Schloſſer die Aufgabe der Geſchichtſchreibung gefaßt und zu löſen geſucht. Ihm fehlt die exakte Forſchung und Schärfe der neuen Methode, ſowie die künſtleriſche Darſtellung; ſeine Geſchichtſchreibung iſt weder realpolitiſch noch national; ſie ſteckt vielmehr noch vielfach in dem Geiſt und Weſen des 18. Jahrhunderts; ſein lebhafter Sinn für Wahrhaftigkeit und bürgerliche Sittlichkeit hat ſeinen Werken eine moraliſierende Tendenz zugefügt, die nicht ſelten zu Nörgelei wird und zur Nährung jener Art von Mißvergnügen dient, welches dem politiſchen Spießbürgertum in Deutſchland noch heute in manchen Kreiſen und Orten eigentümlich iſt. Gerade dieſerrück ſichtsloſe ſubjektive Maßſtab ¹) iſt es, welcher in ausgeſprochenem Gegenſatz gegen Ranke und ſeine Schule ſteht, die ſich jeder Wert⸗

¹) Vergl. v. Wegele S. 1067.