Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
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Staats⸗ und Kirchenverfaſſung bekommen habe; kurz, wie es das geworden ſei, was es wirklich iſt. Nach all dem kann es ſchon hier ausgeſprochen werden, daß die Klagen von Lorenz ¹) über den Mangel der Kontinuität in der deutſchen Geſchichtſchreibung ſachlich nicht ausreichend begründet ſind. Es darf vielmehr dem ſchönen Rückblick zugeſtimmt werden, den v. Wegele ²) mit fol⸗ genden Worten giebt.Nach den Hoffnungen, welche das erneute Altertum und zum Teil die Reformation erweckt, tritt bald darauf, im Zuſammenhang mit der Gegenreformation, eine Art von Stillſtand ein, und laſſen ſich mit genauer Not die dünnen Fäden der fortwirkenden beſſeren Ueberlieferung entdecken. Ganz ab⸗ geriſſen waren dieſe Fäden allerdings niemals, und liegt der Übergang aus der einen, halb ſtagnierenden Epoche in die darauf folgende der Wiederherſtellung noch immer deutlich genug vor. Vom Ausgange des großen deutſchen Kriegs an läßt ſich dann ein ſtetes Fortſchreiten der Geſchichtſchreibung wahrnehmen, ſie erfüllt ſich in wachſendem Maß mit wiſſeenſchaftlichen, univerſellen und nationalen Motiven. Am Ende des 18. Jahrhunderts iſt ſie bereits vollſtändig ſich zurückgegeben und hört ſie auf die abhängige Dienerin der Theologie und Jurisprudenz zu ſein, was ſie, zuerſt das eine, dann das andre, zwei Jahrhunderte hindurch geweſen war. Es fehlte freilich zunächſt noch ein und das andere Weſentliche, um unſere Geſchichtſchreibung auf die rechte Höhe zu führen; es war der nationale Staatsgedanke noch nicht kräftig genug entwickelt, die Zeitgenoſſen waren ſeit dem Hubertus⸗ burger Frieden wieder in das Kleinliche zurückgefallen, die eigent⸗ liche exakte Forſchung hatte noch Entſcheidendes nachzuholen. Doch ſeit dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts wurde alles, was ſich noch vermiſſen läßt, in genügender Fülle gewährt. Man er⸗ lebte das Ungeheuerſte, zuerſt in der nächſten Nähe und dann bei ſich ſelbſt. Das mächtige Aufblühen der Studien des klaſſiſchen Altertums begünſtigte eine methodiſche Forſchung innerhalb der Geſchichte, und endlich das Unglück der Gewalt und Fremdherrſchaft

¹) Vergl. O. Lorenz, die Geſchichtswiſſenſchaft, Berlin 1886, S. 3 ff. 2) Vergl. v. Wegele, a. a. O. S. 976 f.