Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
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Königs; jene muß er haben, nach dieſen ſtreben. ¹) Von beſonderer Bedeutung iſt die Anſicht Herders, daß jedes Volk aus ſich und ſeiner Zeit verſtanden und geſchichtlich beurteilt werden müſſe; ſo iſt dieſer geniale Vertreter des litterargeſchichtlichen Verſtändniſſes auch der der geſchichtlichen Gerechtigkeit bei der Behandlung der Weltgeſchichte geworden. In ſchroffem Gegenſatz zu dieſer weiten und hohen Auffaſſung ſteht die enge und vertrocknete Häberlin's, welcher als diewahre Seele der Geſchichte diechronologiſche Ordnung bezeichnet, freilich ohne damit merklichen Anklang gefunden zu haben. In ſcharfem Gegenſatz aber gegen beide Auffaſſungen ſteht J. Möſer, der Realpolitiker und abgeſagte Feind aller un⸗ politiſchen und philoſophierenden Geſchichtſchreibung; der Kultur⸗ geſchichte wollte er nur ſoviel Raum zugeſtanden wiſſen, als nötig ſei, umvon den Veränderungen der Staatsmoden Rechenſchaft zu geben. Er darf namentlich in der Beziehung als ein Vor⸗ läufer Treitſchkes bezeichnet werden, weil er mit dieſer ausgeprägt realpolitiſchen Auffaſſung die nationale verband.Wenn wir, ſagt er,erſt mehr Nationalintereſſe erhalten, werden wir die Begebenheiten auch mächtiger empfinden und fruchtbarer ausdrücken. Und wie darin gleichſam ein prophetiſcher Hinweis auf unſeren ſprachgewaltigen und heißblütigen Nationalhiſtoriker der Neuzeit liegt, ſo teilt er mit ihm auch das Beſtreben, nicht Regenten⸗ und Kriegsgeſchichte im alten Stil zu ſchreiben, ſondern, von dem Studium der Geſellſchaft ausgehend, die Geſchichte des deutſchen Staats zu geben. Der erſte praktiſche Verſuch hierzu, der ſeiner Zeit die allgemeinſte Anerkennung gefunden hat, iſt durch Möſer indirekt angeregt, von M. J. Schmidt mit ſeinerGeſchichte der Deutſchen gemacht worden. Sowie er mit den älteren Hiſtorikern in engem Zuſammenhang ſteht, ſo iſt er auch der Vorläufer der ſogenannten neuen objektiven Schule, deren Begründer und Meiſter bekanntlich Ranke iſt. Er ſagt nämlich in der Vorrede zum 1. Band, 1. Aufl. (1778):Meine Abſicht bei dieſem Werke iſt, zu zeigen, wie Deutſchland ſeine damaligen Sitten, Aufklärung, Geſetze, Künſte und Wiſſenſchaften, hauptſächlich aber ſeine ſo ſehr ausgezeichnete

¹1) Vergl. v. Wegele a. a. O. S. 818.