Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

Kosmopolitismus und Aufklärung auch in die Geſchichtſchreibung ein. Von beſonderer Bedeutung iſt es zunächſt, daß Winckelmann wie ein neuer Kolumbus die Wahrheit entdeckt hat, daß die menſchliche Kultur und Eigenart weſentlich durch die klimatiſchen Bedingungen beſtimmt iſt, unter denen er lebt. Es iſt dies eben ein Teil der Wahrheit, welche heute die Biologie als das Geſetz der Umgebung bezeichnet. Erſt Montesquieu war es vorbehalten, den hiſtoriſchen Pragmatismus rein und voll anzuwenden; ¹) erſt Voltaire hat den Begriff und wie es ſcheint auch den Namen der Kulturgeſchichte aufgeſtellt und an einem großen Beiſpiel zur Anwendung gebracht.²) Wenn ihm auch deutſche Hiſtoriker, wie Gatterer, Schlözer, J. v. Müller u. a., hierin nachgeeifert haben, ſo iſt doch Kulturgeſchichte in unſerem Sinn nach Ausſonderung der politiſchen Vorgänge erſt von Wachsmuth in ſeiner Euro⸗ päiſchen Sittengeſchichte geſchrieben worden. ²) Als der Begründer der Weltgeſchichte, wie wir ſie von Ranke behandelt ſehen, iſt in Deutſchland ohne Zweifel Schlözer anzuſehen, denn er hat vor allem nicht bloß den geſchichtlichen Zuſammenhang und die Wechſel beziehungen der Völker mit und zu einander nachgewieſen, ſondern hat dieſen Zuſammenhang auch da anerkannt, wo er ihn nicht ſah); er weiſt nicht bloß den Fortgang, ſondern auch den Fortſchritt, die Veredlung und nach Umſtänden die Entwicklung der Menſch⸗ heit nach.) Nicht geringer ſind ſeine Verdienſte um die kritiſche Behandlung der Geſchichte überhaupt. Für die Behandlung der neueren Geſchichte zuerſt die durchſchlagende Bedeutung der Geſandt⸗ ſchaftsberichte, insbeſondere auch der Venetianiſchen Relationen erkannt und geltend gemacht zu haben, iſt das Verdienſt J. v. Müllers, der ohne Zweifel mit Spittler zu den bedeutendſten Vertretern der Univerſalgeſchichte ſeiner Zeit zu rechnen iſt. Enthuſiaſtiſch und leicht beweglich wie Müller war, ſah er den Beruf des Hiſtorikers als einen königlichen an, indem er meinte:Ein Geſchichtſchreiber

bedarf einer freien Seele und faſt aller Kenntniſſe eines großen

¹) Vergl. v. Wegele a. a. O. S. 779.

2) a. a. O. S. 780 f.

3) Vergl. Jodl, die Kulturgeſchichtſchreibung 1878. ) Vergl. v. Wegele, a. a. O. S. 792 A.

a. a. O. S. 793.