Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
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der Univerſalgeſchichte abriet und die der nationalen und Zeit⸗ geſchichte empfahl.) Mit Recht weiſt Wegele ²) aber auf die theoretiſchen Erörterungen des Straßburger Profeſſors Böcler (†᷑ 1672) hin, der von der Auffaſſung des Polyb ausgehend den hiſtoriſchen Pragmatismus ohne freilich dieſen Namen zu brauchen als den Nerv der Geſchichtſchreibung bezeichnete. Erſt Leibniz hat, von ähnlichen Erwägungen ausgehend, die Geſchichte vor allem als die Trägerin der Kontinuität, dieſes wichtigſten Lebensgeſetzes, geſchätzt und bearbeitet: Während die Gegenwart nur aus der Vergangenheit verſtanden werden kann, iſt die Zukunft das Erzeugnis beider. Ohne dies iſt ein Verſtändnis des Welt⸗ laufs unmöglich. Eben aus dieſer Kontinuität kann der Menſch ſeine Lehren ſchöpfen, ſowie die Begeiſterung, den Nachkommen ſein zu wollen, was ruhmreiche Vorfahren ihm waren. ³) Im übrigen erklärt Leibniz die Geſchichte für eine Erfahrungswiſſenſchaft, die ſich auf Zeugniſſe ſtützen muß, deren Echtheit die exakte Forſchung, die Kritik, geprüft bezw. bewährt hat. Die Zuverläſſigkeit, die Wahrheit des Erforſchten wird dann auch in der Folge als das einzig Wertvolle der Geſchichtſchreibung bezeichnet und demgemäß immer kritiſche Methode und kritiſches Urteil vom Geſchichtſchreiber verlangt.¹) Neue fruchtbare Anregung hat die geſchichtliche Behand⸗ lung durch den Kirchenhiſtoriker Mosheim empfangen. Indem er nach pragmatiſcher Behandlung der Geſchichte ſtrebt und an den Geſchichtſchreiber die Forderung ſtellt, das Geſchehene aus ſeinen Urſachen zu erklären, nicht bloß das Was, ſondern auch das Wie und Warum zu berichten, weiſt er darauf hin, daß der Hiſtoriker außer den ſämtlichen litterariſchen Hilfsmitteln die menſchliche Natur kennen müſſe.Denn wer mit dem Geiſtigen, den Charakteren, Neigungen und Begierden der Menſchen und der Macht ihrer Leidenſchaften bekannt ſei, werde auch das Geſchehene um ſo leichter erklären können. 5)

In der Zeit der zweiten Blüteperiode unſerer Litteratur ziehen

1) Vergl. v. Wegele, a. a. O. S. 476 f.

2) a. a. O. S. 478 f. 646.