I. Was iſt Geſchichte bezw. Geſchichtswiſſenſchaft?
Ohne auf die antike bezw. vorchriſtliche Geſchichtſchreibung überhaupt einzugehen— eine bezügliche Prüfung derſelben würde zur Erreichung unſeres Zweckes nicht weſentlich förderlich ſein— kann geſagt werden, daß anderthalb Jahrtauſende chriſtlicher Geſchicht⸗ ſchreibung im Weſentlichen nichts Anderes hervorgebracht haben— ganz vereinzelte Ausnahmen abgerechnet— als Chroniken, Bio⸗ graphien, Annalen, Autobiographien. Von einer Wiſſenſchaft in unſerem Sinn konnte im Mittelalter ohnedies nicht die Rede ſein. Dem kritikloſen Fabulieren machte erſt der Humanismus, der fortwährenden Durchbrechung des geſchichtlichen Zuſammenhangs erſt die Erfindung Guttenbergs ein Ende. Sechzehn Jahrhunderte vergingen, ehe die chriſtliche Geſchichtſchreibung es unternahm, ſich von der Danieliſchen Prophezeihung von den 4 Weltmonarchien zu befreien. 1) Im Zeitalter der Gelehrtenlitteratur von Opitz bis Klopſtock machte die hiſtoriſche Kritik bemerkenswerte Fortſchritte; es entwickelten ſich die Hilfswiſſenſchaften; die Univerſal⸗ und europäiſche Staatengeſchichte wurde aus- und angebaut. Von den enthuſiaſtiſchen Bemühungen der deutſchen Humaniſten für die nationale Geſchichte bis zu der Erkenntnis, daß„die Geſchicht⸗ ſchreibung einer Nation ein getreuer Ausdruck ihres Weſens und ihres Geiſtes“ ſei ²), war, zumal in Deutſchland, noch ein weiter Weg. Baco war es, welcher, von ſeiner Auffaſſung der Geſchichte als einer Erfahrungswiſſenſchaft ausgehend, von der Behandlung
1¹) Mit großem Geſchick und wiſſenſchaftlichem Apparat iſt ſie wieder in neueſter Zeit geltend gemacht worden von Guinneß, das nahende Ende unſeres Zeitalters, 1889.
2) Vergl. v. Wegele, Geſchichte der deutſchen Hiſtoriographie, 1885 S. 2.


