Aufsatz 
Erfahrungen und Ansichten mit Bezug auf den deutschen Aufsatz in der Bürgerschule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

Einmal ließ ich ſpäter noch, aus ganz beſonderer Veranlaſſung, die Geſchichte, die in dem oben erwähnten Chamiſſo'ſchen Gedichte enthalten iſt, ſchriftlich erzählen.

Hierher gehören ferner Aufgaben, deren Stoff dem Geſchichtsunterrichte entnommen war. Dieſen Unterricht hatte ich ſelbſt zu geben; es bot ſich da eine reiche Fülle von Aufgaben, leichteren ſowohl, bei welchen es hauptſächlich auf Genauigkeit im Darſtellen des Erzählten ankam ſſolche wurden öfters in der Stunde ſelbſt gefertigt), als ſchwierigeren, bei welchen zwiſchen Hauptſachen und Beiwerk unterſchieden werden mußte. Bei den geſchichtlichen Arbeiten mußte davor gewarnt werden, ſtatt der Thatſachen Urtheile zu geben, und davor, ſich in hochtrabenden allgemeinen Ausdrücken zu gefallen.

Weiter gehören hierher Darſtellungen von Erlebtem:

Spaziergang, meiſt ein mit der ganzen Klaſſe unternommener. Gemahnt wurde zu Einfach⸗ heit, gewarnt vor Einförmigkeit. Oefters waren unpaſſend zuſammengezogene Sätze wieHier blieben wir eine halbe Stunde und gingen dann weiter zu rügen. Das Turnfeſt im Jahre 1845. Der achtzehnte Oktober 1847(es war, was damals noch nicht vorauszuſehen, der letzte, den Frankfurt in der alten Weiſe feiern ſollte). Aus dem Jahre 1848: Beleuchtung der Stadt; Fackelzug; Einzug des Parlaments in die Paulskirche. Göthefeier am 28. Auguſt 1849. Ein Wintertag in Frankfurt im Januar 1854.(Damals war buntes, luſtiges Leben auf der Eisdecke des Mains; Carrouſſel, Fackellauf u. ſ. w.) Für die letzteren Aufſätze wurde Briefform empfohlen, wohl auch einmal vorgeſchrieben. Einen eigenthümlichenBriefſtil kenne ich nicht. Und Briefe ohne rechten Inhalt wollte ich nicht ſchreiben lehren. Bei den obigen Aufgaben nun iſt dieſe Form ganz ange⸗ meſſen; es kann ja leicht ſein, daß ein Knabe über dieſe Dinge einem Freunde in einer andern Stadt einen Brief ſchreibt. Über die bei uns gewöhnliche Form der Briefe wurde nur geſagt, daß man(was freilich die meiſten bereits wußten) mit der Anrede beginnt, mit dem Gruße und dem eigenen Namen ſchließt. Daß dies nicht, wie etwa ein mathematiſcher Satz, durchaus nothwendig ſei, und daß andere Zeiten und Völker hierin auch eine andere Weiſe haben können, erfuhren meine Schüler ſchon während ihrer Schulzeit, an den ihnen vorgeleſenen Briefen des jüngeren Plinius an Tacitus, ſo wie an den meiſten der neuteſtamentlichen Briefe. Sie ſahen da, daß der Schreiber zuerſt(was bei uns als unhöflich gelten würde) ſeinen eigenen Namen ſetzt, dann den Namen deſſen, an den der Brief gerichtet iſt, dann einen Gruß, und daß er am Ende wieder mit einem Gruße oder Glückwunſche ſchließt. Ländlich, ſittlich. Wann man wohlgeboren, ergebenſter, gehorſamſter ſchreibt, darüber habe ich ſie nicht belehrt; das lernen ſie ſeiner Zeit ohnehin. Auch hätte es ſehr leicht kommen können, daß, was von dieſen Formen ich im Jahr 1850 gelehrt, im Jahr 1860 oder 1870 keine Geltung mehr gehabt hätte. Gewarnt wurde vor einer nicht ungewöhnlichen, aber meiſt logiſch unrichtigen Form des Schluſſes(einer Form, wie ſie vielleicht bei Mahnbriefen ihre richtige Bedeutung haben kann), nämlich: In der Hoffnung, daß Du geſund biſt(oder: daß ich Deinen Wunſch erfüllt habe; oder: daß Du mir bald wieder ſchreibſt; oder: daß Du mir das Geliehene bald zurückſchickſt), verbleibe ich Dein Freund. Dieſe aus dem Leben unſerer Stadt genommenen Aufgaben wurden meiſt mit Luſt und nicht ſelten recht gut bearbeitet, die letzte von einigen Schülern mit ſchönem Humor.

Im Jahr 1848 zeigte ſich, daß auch die Jugend von einer wenn auch unklaren Be⸗ geiſterung ergriffen war. Es durfte ſich dies auch in den Aufſätzen kund thun, ſo lange dabei Maß