Aufsatz 
Erfahrungen und Ansichten mit Bezug auf den deutschen Aufsatz in der Bürgerschule
Entstehung
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und Sprachrichtigkeit, Genüge geleiſtet war. Manchem Satze gaben wir wohl fünfmal eine andere Form, bis wir mit ihm zufrieden waren. Mancher brauchte vielleicht gar keine Änderung in Wort⸗ ſtellung u. ſ. w. zu erleiden; und in dieſem Falle wurde nicht etwa willkürlich, bloß um zu ändern, geändert, ſondern die erſte überſetzung wurde ſogleich als die richtige angenommen. Solche Fälle ſind aber ſelten.

Mit Bezug auf die folgenden Sätze wurde nun nur geſehen, ob ihr Sinn verſtanden ſei; die gute deutſche Form zu finden, blieb dem häuslichen Fleiße der Schüler überlaſſen. Viel Zeit brachten wir mit dieſen Bemühungen zu; aber ich glaube, ſie war nicht verloren. Es hätte uns übrigens bedeutend weniger Zeit gekoſtet, wenn alle Schüler von jeher gewohnt geweſen wären, das Franzöſiſche nur in gutes Deutſch zu überſetzen. Wir hätten dann vielleicht gar nicht nöthig gehabt, dieſe Ubungen in der deutſchen Sprachſtunde vorzunehmen.

Erzählungen.

Bereits in der zweiten Klaſſe der betreffenden Schule waren die Schüler im ſchriftlichen Wiedergeben von Erzähltem geübt worden; doch hielt ich es für gut, dieſe Übung auch in der erſten noch manchmal vorzunehmen. Von eigentlichen Erzählungen kam vor:

Der Tod des älteren Plinius. Einmal im Anſchluß an die im geographiſchen Unterrichte vorhergegangene Belehrung über Vulkane. Die zwei bekannten Briefe des jüngeren Plinius an Tacitus VI., 16 und 20 waren vorgeleſen worden. Die Arbeit ſollte ſich aber in ihrer Anordnung nicht nach dieſen Briefen richten, ſondern die Begebenheit nach ihrer Zeitfolge erzählen, und zwar nur ſoweit ſie Plinius den Älteren betrifft.

Der Bergſturz von Goldau. Vorgeleſen wurden verſchiedene Darſtellungen dieſes Ereigniſſes. Zu dieſen beiden Aufſätzen mußten auch Kärtchen gezeichnet werden.

Luther in Jena im März 1522. Vorgeleſen Joh. Keßler's Bericht in St. Galler Mundart.. Philemon und Baucis. Im Anſchluß an Ap. Geſch. 14, 12, bei welcher Stelle geſagt worden war, warum die Lyſtraner, als ſie Paulus und Barnabas für Götter hielten, gerade die beiden Götter Jupiter und Merkur nannten.

Menenius Agrippa. Nach Livius II., 32. Im Anſchluß an 1. Kor. 12, 14 ff.

Hierher gehört auch: übertragung eines Gedichts in Proſa. Denn daß nur erzählende, nicht lyriſche Gedichte gewählt wurden, verſteht ſich von ſelbſt. Das iſt eine ſehr beliebte, vielleicht weil ſcheinbar ſehr bequeme Aufgabe. So ganz bequem machte ich's den Schülern aber doch nicht. Was iſt, hieß es, Poeſie, was Proſa? Welche Gedichte laſſen ſich in proſaiſche Form umſetzen, welche nicht? Nun wurde eines von den erſteren(etwa: Die Sonne bringt es an den Tag, von Chamiſſo) ins Auge gefaßt, und erſt an einzelnen Strophen die Üübertragung verſucht. Es zeigte ſich bald, daß es nicht genüge, nur etwa die Wortſtellung zu ändern und ſtatt poetiſcher Ausdrücke gewöhnlichere zu nehmen, ſondern daß hier und da auch die Anordnung eine andere werden müſſe.

Üübrigens gab ich dieſe Art von Aufgaben nur in den erſten Jahren; ich ſah ſpäter ein, daß eine ſolche Behandlung eines Gedichtes mit Recht Mißhandlung genannt wird, daß ein Gedicht nicht dazu da iſt, den Kindern Stoff zu dieſer Übung zu bieten.