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durch Zufügung einiger Kraftſtriche und Schattenlinien gab er ihr eine gewiſſe Vollendung. So ſah ſie allerdings ſchöner aus, aber— ſie war nicht mehr bloß das Werk des Schülers.
Aber könnte man nicht von dieſem Gedanken aus noch weiter gehen und ſagen, der Lehrer ſolle alles Korrigiren unterlaſſen, da ſehe man erſt recht die ganz reine Arbeit des Schülers? Gewiß wäre das nicht das Richtige. Eigentliche Fehler müſſen verbeſſert werden. Häufig, bei Fehlern aus Unachtſamkeit, genügt es, den Schüler auf die Regel, die er vernachläſſigt hat, aufmerkſam zu machen; er wird dann ſelbſt angeben, wie er hätte ſchreiben ſollen. Manchmal, wie z. B. bei dem oben an⸗ geführten Schluſſe eines Briefes, kann man ihm nachweiſen, daß das, was er geſchrieben hat, nicht eigentlich das, was er hat ſagen wollen, ſondern etwas Anderes ausdrückt. Und auch in dieſen Fällen wird er ſelbſt den richtigen Ausdruck finden. Auf dieſe äußere Reinigung von Fehlern, glaube ich aber, ſoll man ſich beſchränken. Es heißt„le style, c'est l'homme.“ Nun gut, den Menſchen ſelbſt können wir nicht im Augenblicke ändern, und wir wollen ihn nicht durch eine Maske verhüllen, noch ihn ſcheinen laſſen, was er in der Wahrheit nicht iſt. Es iſt mir wohl irgendwo vorgekommen, daß ein ehrlicher, wahrheitsliebender Knabe, als ein Lehrer ihn aufforderte, in einem Aufſatze eine feinere Wendung, die er ihm vorſchlug, anzubringen, erröthend ſich weigerte, dem Verlangen Folge zu leiſten. Es war ein ganz richtiges Gefühl, das ihn zu dieſer Weigerung trieb: er wollte nicht anders ſcheinen als ſein. Dagegen wird kein Schüler ſich weigern, etwa ſtatt der falſchen Schreibung blühent die richtige blühend zu ſetzen.
Niemals wurde den Schülern die Wahl des zu bearbeitenden Gegenſtandes ganz frei gegeben; öfters aber hatten ſie unter mehreren die Auswahl.
In einem Schuljahre wurden durchſchnittlich zehn Aufſätze gemacht.
Die Themen waren folgende.
Aberſetzung aus dem Franzöſiſchen.
Man könnte ſagen, es ſei dies Sache des Lehrers der franzöſiſchen Sprache. Aber manchmal hat(oder nimmt ſich) dieſer nicht die Zeit dazu, eine ſprachlich vollkommen gute deutſche Ueberſetzung hervorbringen zu laſſen. Er ſagt wohl, Hauptſache bei dieſem Unterrichte ſei, daß der Schüler Franzöſiſch lerne, und er iſt dann zufrieden, wenn die Ueberſetzung nur zeigt, daß der Sinn ver⸗ ſtanden ſei. Ich halte das nicht für das Richtige. Das genaue, gute Ueberſetzen aus einer Sprache in die andere fördert die Kenntniß beider. Je mehr der Schüler weiß, daß er das Fremde in gutes Deutſch übertragen ſoll, deſto gewiſſenhafter wird er auch ſorgen, über den Sinn des Urtertes in's Klare zu kommen. Wieland hat wohl geäußert, die Geläufigkeit im deutſchen Stil habe er dem Ueberſetzen aus dem Lateiniſchen zu verdanken. In Frankreich und England werden in den Schulen nicht viele„Aufſätze“ gemacht, aber es wird— in den Gelehrtenſchulen— viel aus der lateiniſchen und griechiſchen in die eigene Sprache überſetzt, und da wird nicht eher geruht, als bis der fremde Satz in gutes Franzöſiſch oder Engliſch übertragen iſt. Ich glaube, es iſt nicht ſchwer, die Schüler dazu zu bringen, daß ſie ſelbſt nicht eher befriedigt ſind, als bis der Satz in der eigenen Sprache ſo lautet, daß man ihm nicht(oder doch kaum) anmerkt, er ſei aus einer fremden überſetzt. Wenn man nur damit recht früh anfängt. Aber dies geſchieht häufig nicht. Mancher Lehrer iſt zu⸗ frieden, wenn der Satz„j'ai acheté un cheval“ übertragen wird: Ich habe gekauft ein Pferd.


