Aufsatz 
Erfahrungen und Ansichten mit Bezug auf den deutschen Aufsatz in der Bürgerschule
Entstehung
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(ein Fehler, dem unſere Frankfurter Knaben ſehr ausgeſetzt ſind) beim Dativ der Mehrheit das Endungs⸗n ausgelaſſen; oder es hieß die römiſche Soldaten. Der letztere Fall konnte dazu⸗ benutzt werden, die ſo einfache Regel über die Anwendung der ſtarken und der ſchwachen Form der Adjektive zu wiederholen. Da war(was man allerdings zuweilen in Büchern findet) wegen mit dem Dativ konſtruirt; oder ein Satz lautete(mundartlich): Ich ging bei meinen Bruder. Oder es kamen die falſchen Imperativformen nehme, gebe, trete,*) ſpreche vor. Oder es waren Sätze ungehörig durch und(das Eiſen wird ſelten gediegen gefunden und iſt eines der nützlichſten Naturprodukte), aber, auch verbunden. Oder es waren zuſammengezogene Sätze durch ein Adverb oder ein Objekt eingeleitet, das ſich dem Sinne nach nur auf den erſten Satz bezog(Hier ruhten wir aus und gingen weiter. Deinen Brief habe ich erhalten und frage an, ob u. ſ. w.). Oder der Schluß eines Briefes drückte etwas aus, das der Schreiber eigentlich nicht ſagen wollte(In der Hoffnung, daß dieſer Brief Dich bei guter Geſundheit trifft, verbleibe ich Dein Freund). Solche Fehler wurden gerügt; ſie mußten außer der Stunde verbeſſert werden.

Im Uebrigen war ich auch mit Bezug auf Wortformen duldſam. Ob ein Schüler ſchrieb dem Tiſch oder dem Tiſche, das galt mir gleich. Hätte ich etwa gelehrt, die kürzere Form ſei falſch, nur die längere dürfe gebraucht werden, ſo hätte ich mich, ganz unnöthigerweiſe, in Wider⸗ ſpruch geſetzt mit den beſten Schriftſtellern, und ich wäre in Gefahr geweſen, daß meine von mir immer zum Beobachten ermunterten Schüler mir nachgewieſen hätten, wie Schiller und andere be⸗ deutende Schriftſteller dieſe Regel thatſächlich nicht anerkannt hätten. So durfte auch fragt oder frägt(gebildet wie trägt), ladet oder lädt geſchrieben werden. Von mundartlichen Ausdrücken wurden manche geduldet, z. B. Mahne(eine Art großer Körbe), Einzler(Einſpänniger), Kendel (Dachrinne), Weißbinder(Tüncher), überhaupt ſolche, die hier am Orte ſo allgemeine Geltung haben, daß man ſie, z. B. in Anzeigen, auch gedruckt findet. Von derartigen Ausdrücken hat jede Gegend ihre beſonderen;**) ſie haben ihr beſchränktes Bürgerrecht; das wollen wir ihnen nicht nehmen. Noch weniger wollen wir, aus einer gewiſſen Vornehmthuerei, wo neben den hier heimiſchen Aus⸗ drücken die entſprechenden norddeutſchen bekannt ſind, die unſrigen verwerfen und die letzteren vor⸗ ziehen; wir wollen alſo nicht ſtatt Schreiner, Metzger, Spengler ſchreiben laſſen Tiſchler, Schlächter, Klempner. Auch wollen wir die Schüler nicht anhalten, den guten ſüd⸗ und weſtdeutſchen Samſtag mit dem nordiſchen und darum Manchen vornehmer lautenden Sonnabend zu vertauſchen.

Manche andere mundartliche oder bloß volksmäßige Ausdrücke konnten allerdings in der Schrift nicht geduldet werden. Z. B. die doppelte Negation als Verſtärkung der einfachen, ferner unſer ſchwer zu erſetzendes rheiniſches als(das dafür vorgeſchlagene zuweilen iſt weit ſchwerfälliger), ferner das Feminin die Bach. Es wurde aber nicht geſagt, dieſe Ausdrücke ſeien geradezu falſch. Man iſt ja zum Glück ſchon längſt von der Anſicht zurückgekommen, als biete die Mundart nur Schlechtes, Ver⸗

*) Dieſe Form hat einmal Göthe, nat. Tochter V, 7: So ziehe denn hinüber! Trete friſch In jenen Kreis der Traurigen. Erheit're, Durch dein Erſcheinen, jene trübe Welt. Aber dieſes Verſehen des Meiſters rechtfertigt unſere Schüler nicht.

**) Vgl. in den Mittheilungen an die Mitglieder des Frankfurter Vereins für Geſchichte und Alterthums⸗ kunde III., 281 eine von meinem Bruder L. F. Finger gegebene Zuſammenſtellung ſolcher Frankfurter Ausdrücke.