Aufsatz 
Erfahrungen und Ansichten mit Bezug auf den deutschen Aufsatz in der Bürgerschule
Entstehung
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In der Rechtſchreibung war ich übrigens duldſam und beachtete das auguſtiniſche in dubiis libertas(in Zweifelhaftem Freiheit). Das iſt auch noch jetzt meine Anſicht, und ich ſtimme durch⸗ aus Herrn Rector Schmid in Ulm bei, wenn er(Enchkl. I, 345) ſagt:Rückſichtlich der Ortho⸗ graphie iſt Weitherzigkeit zu empfehlen, wenn nicht ſämmtliche Lehrer einer Anſtalt bis ins Einzelnſte die gleichen Grundſätze verfolgen und ſich dabei mit den Hauptſchulbüchern in Uebereinſtimmung befinden, damit nicht der eine Lehrer das tadle, was der andere lehrt. Vollſtändige überein⸗ ſtimmung ſämmtlicher Lehrer an einer Schule iſt nicht zu erzielen; iſt auch nicht nöthig. Mag immerhin der eine Adolf, Weſtfalen, Baiern, Karl, Brot, etwas, giebt, probieren, Kenntnis, Direktor, Zentner, Sofa, Heimat, Blüte ſchreiben, der andere Adolph, Weſtphalen, Bayern, Carl, Brod, Etwas, gibt, probiren, Kenntniß, Director, Centner, Sopha, Heimath, Blüthe.

Aber muß man denn nicht den Schülern ganz feſte Regeln geben? Wenn ſolche in der Wirklichkeit nicht vorhanden ſind, ſo können wir ihnen ſolche auch nicht geben; und etwas bloß zu unſerm Schulgebrauche machen, das doch keine allgemeine Gültigkeit hat, das wollen wir nicht. Und wenn wir es thäten, ſo kämen wir in Widerſpruch mit manchen der Bücher, die unſere Schüler in Händen haben. Von dieſen ſchreibt eines gieng, ein anderes ging. Sollen wir ihnen ſagen, dieſes oder jenes Buch habe eine falſche Schreibung? Das können wir in Wahrheit nicht. Verſchiedenes i*ſt richtig; man hält die Schüler nur an, nicht in einer und derſelben Arbeit das gleiche Wort verſchieden zu ſchreiben, und z. B. die Verbalendung iren immer entweder mit oder ohne e nach dem i zu ſchreiben. Alſo: in dubiis libertas.

Aber Freiheit in Gleichgültigem iſt nicht Laxheit in Sicherem, Feſtſtehendem. In Solchem muß möglichſte Sicherheit erzielt werden. Und wo, nach übereinſtimmendem Urtheil der beſten Ge⸗ währsmänner, eine Schreibart oder Wortform gewiß, geſchichtlich und lautlich, die einzig richtige iſt, da werde dies nachgewieſen, und es werde wenigſtens empfohlen, die richtige, auch wenn ſie nicht die gewöhnlichſte iſt, zu gebrauchen. So(vergl. zu den folgenden Beiſpielen Grimm, Andreſen, Klau⸗ nig u. ſ. w.) allmählich(= allgemächlich), die Heide(von demſelben Stamme wieder Heide, der Landbewohner, paganus), Rechenbuch(nicht Rechnenbuch).*) Nicht geduldet werden natürlich manche ſogar in Büchern hier und da vorkommende falſche Schreibungen von Fremdwörtern, z. B. Spondäus, Hypothenuſe(ſtatt Spondeus, Hypotenuſe). Hier muß, wenn auch ein Lehrbuch jene Formen hätte, offen erklärt werden, ſie ſeien falſch.

Von den Schülern wurden zu Hauſe die unterſtrichenen Wörter deutlich verbeſſert. Etwaige Fehler oder Ungenauigkeiten mußten durch mehrmaliges Abſchreiben gebüßt werden. Allerdings wurde dabei die Erfahrung gemacht, daß unaufmerkſame Schüler immer und immer wiederholt falſch abſchrieben. Nun, dann mußte darauf geſehen werden, ſie allmählich zu größerer Sittlichkeit, zu der auch die Aufmerkſamkeit gehört, heranzubilden.

In der nächſten Aufſatzſtunde wurden die Arbeiten mit Bezug auf Sprache, alſo auf Wort⸗ und Satzbildung durchgenommen. Die Fehler waren durch gewiſſe Zeichen angemerkt worden. Ich nahm die einzelnen Hefte nach der Reihe vor. Auch hier fehlte es ſelten an Stoff für eine Stunde; meiſt kamen wenigſtens einige Fehler vor, deren Beſprechung dazu dienen konnte, Verblaßtes wieder aufzufriſchen, oder Gehörtes aber Unverſtandenes zu beſſerem Verſtändniß zu bringen. Da war wohl

*) Vgl. was ich hierüber in Lüben's prakt. Schulmanne VIII, 343 geſagt habe. Mittlere Bürgerſchule. 2