— 8—
in einigen Gegenden der Schweiz) ſchallender, faſt wie dasjenige polniſche l, das in der Schrift mit einem Querſtrich verſehen wird; das a lautet in Schwaben offener, in Sachſen dumpfer; in Süd⸗ und Mitteldeutſchland und ſelbſt in einem Theile des Nordens wird der erſte Laut des Wortes Stein breit, in Nordoſtdeutſchland ſpitz geſprochen; die Schwaben haben(eine geſchichtlich begründete Feinheit, die, wie ich glaube, ſie allein unter den deutſchen Stämmen bewahrt haben, und die ſie ſich nicht ſollten nehmen laſſen) ein doppeltes ei und ein doppeltes au; z. B. im Worte Freiheit, wie ich es ſelbſt von Uhland habe ausſprechen hören, lautet das erſte ei wie ei(mit vorherrſchendem e), das zweite wie ai; im Worte Hauskauf das erſte au kürzer, faſt wie ou, das zweite offener. Die Wörter Glas, Gras, Bad ſpricht der Nordländer geſchärft, der Südländer gedehnt aus. Und auf wie ver⸗ ſchiedene Weiſe wird z. B. der Buchſtabe g ausgeſprochen.*) Der Alemanne und der Burgunder unterſcheiden in der Ausſprache das Ende der Wörter freundlich und freudig; die meiſten(oder alle?) andern Stämme thun das nicht; der Göttinger aſpirirt den erſten Laut des Namens ſeiner Stadt; der Berliner iſt geneigt, aus jedem g ein j zu machen; der Thüringer kann ſeiner Mund⸗ art gemäß long auf Bank reimen, der Rheinländer unterſcheidet hier feiner. Welche Mundart iſt die beſte? Es wurde wohl von mir den Schülern geſagt: Eine jede hat ihre Vorzüge und eine jede ihre Schwächen; ſo wie unſer deutſches Vaterland einen reichen Wechſel bietet von Ebenen und Hügelland und Hochgebirg, ſo ſind auch ſeine Menſchen verſchieden geartet. Es wurde wohl dabei erinnert an eine Stelle aus Uhland's„Herzog Ernſt,“ wo Werner ſeinem Freunde von der Kaiſer⸗ wahl erzählt und von den verſchiedenen Stämmen, die da zuſammen kamen: „Und jeder Stamm verſchieden an Geſicht, An Wuchs und Haltung, Mundart, Sitte, Tracht,
An Pferden, Rüſtung, Wafeenfertigkeit, Und alle doch ein großes Brüdervolk.“
Kein Stamm ſoll ſich rühmen, er ſei beſſer als der andere, und keine Mundart ſoll verächt⸗ lich auf die andere herabſehen. Der Gebildete muß ſich bemühen, die offenbaren Fehler ſeiner Mundart abzulegen, auch wohl Feinheiten, die er in andern Mundarten findet, ſich zu eigen zu machen; im Übrigen aber darf man ſehr wohl dem Baiern anhören, daß er ein Baier, dem Weſt⸗ falen, daß er ein Weſtfale iſt. Es wäre ein ſinnloſes und zugleich vergebliches Bemühen, wollte man ſtreben, dieſe Unterſchiede alle zu verwiſchen.**)
Wir haben geſehen, es bot ſich reicher Stoff zu manchen Erörterungen, die geeignet waren, die Schüler in ihrer Kenntniß der Mutterſprache zu fördern,— Erörterungen, die ich weit lieber hier in der„Aufſatzſtunde“ vornahm, als etwa in der„Gedichtſtunde.“
*) Gewiß unrichtig iſt, was in einem kürzlich erſchienenen Werke von Fr. Schmitt(Neues Syſtem zur Erlernung der deutſchen Ausſprache. München 1868) S. 35 gelehrt wird:„Das g ſoll an jeder Stelle, wo es zu finden, vor oder nach allen Vokalen, am Anfang, in der Mitte, oder am Ende des Wortes allemal wie ein ſogenanntes weiches k, aber ohne Aſpirationsdruck in der Kehle gebraucht werden, demnach ſpreche man alle g einerlei: Gieb,.. liegen,.. Tag,.. Sieg,.. Berg.“ Als ob unſere armen zwanzig bis dreißig Zeichen(Buchſtaben) genügten, die reiche Fülle der Laute auszudrücken!
**) Anderer Anſicht iſt Herr L. Rudolph in Berlin. Er ſagt(S. Herrig's Archiv für das Studium der neueren Sprachen XXXIX., S. 410) in einem Aufſatze über die Ausſprache des deutſchen G:„Kämpfen wir(die Niederdeutſchen) dafür, daß uns auch in Betreff der Ausſprache die Hegemonie verbleibe.“— Ich weiß wirklich nicht, was zu ſolchem Kämpfen berechtigen könnte.


