Aufsatz 
Erfahrungen und Ansichten mit Bezug auf den deutschen Aufsatz in der Bürgerschule
Entstehung
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ſtammung und Verwandtſchaft der Wörter, aber auch auf Ausſprache. Gezeigt wurde(was aller⸗ dings auch ſchon auf früheren Stufen des Unterrichts geſchehen war) der Unterſchied in der Ausſprache von Greis und Kreis, Blatt und platt, Drohne und Throne, zeigen und Zeichen, reiſen und reißen; es wurden Übungen im Wiedergeben dieſer Unterſchiede angeſtellt. Ich erinnere mich wohl, daß manche meiner Berufsgenoſſen, wenn ich geſprächsweiſe ſolche Üübungen erwähnte, geglaubt haben, ich ſei darin zu weit gegangen; unſerer Mundart widerſtrebe das Hervorbringen dieſer Unterſchiede; es führe dies zur Unnatur; man müſſe nicht dem ſüddeutſchen Knaben eine Ausſprache oktroyiren wollen, die nur im Norden zu Hauſe ſei. Nun, meine Meinung war nicht die, von den Schülern zu verlangen, daß ſie nun ſogleich beim Sprechen immer dieſe Unterſchiede hören ließen; das wäre zu viel verlangt geweſen. Aber ich glaube doch, daß, wenn wir deutſche Sprache lehren, wir auch inſoweit auf das Lautliche eingehen ſollen, daß wir dieſe Unterſchiede, die doch in der That exiſtiren, auch zur Kenntniß und zum Bewußtſein der Schüler bringen. Daß das bloße Hervorbringen der weicheren unter den oben angeführten Lauten und Lautverbindungen auch unſern hieſigen Knaben zu⸗ gemuthet werde, zeigt der franzöſiſche Unterricht. Der Lehrer der franzöſiſchen Sprache läßt mit vollem Rechte nicht nach, bis die Schüler glace und classe, grand und cran, droit und trois, blanc und plan, brune und prune, poison und poisson genau in der Ausſprache unterſcheiden, und er hält darauf, daß beim Leſen beſtändig die weichen Laute zu ihrem Rechte kommen. Und ſollte der Knabe, der gloire richtig ausſprechen kann, nicht auch im Stande ſein, eben ſo richtig Glut auszuſprechen? Ich ſagte alſo den Schülern, eine feine deutſche Ausſprache unterſcheide bl und pl u. ſ. w.; in unſerer Gegend, ſo wie im ganzen Süden von Deutſchland, mache man ge⸗ wöhnlich dieſen Unterſchied nicht, im Norden unſeres Vaterlandes thue es aber Jedermann, auch der Ungebildetſte. Sie ſollten ſich jetzt einmal, in der Stunde, bemühen, dieſe Feinheit herauszubringen; es ſchade auch nichts, wenn ſie öfters zu Hauſe, z. B. beim Lautleſen von Gedichten, Üübungen in dieſer Richtung anſtellten..

Bei manchen andern orthographiſchen Fehlern konnte ich mich zwar nicht auf die Ausſprache, auch nicht auf die richtige, feine beziehen. Z. B. wenn ein Schüler wart ſtatt ward ſchrieb. Hier wurde auf die Verwandtſchaft(werden) aufmerkſam gemacht. Vielleicht wollte nun einmal ein Knabe, indem er jene Unterſchiede zwiſchen dr und tr im Auge hatte, ſich bemühen, das Wort ward mit weichem d zu ſprechen. Da mußte ihm nun geſagt werden, das thue Niemand in Deutſchland, ſon⸗ dern überall werde hier das d wie t geſprochen. Es wurde die allgemeine Regel angegeben: Im Auslaute wird der weiche Conſonant hart. Daß dies vor Jahrhunderten ſchon ſo geweſen ſei, und daß es eine Zeit gegeben habe, wo man dies auch in der Schrift ausgedrückt habe, wurde an Bei⸗ ſpielen aus den Nibelungen gezeigt; wir finden da geſchrieben lip(Leib) neben(des) libes, pfert neben pferdes, tac(Tag) neben tages. Der Stamm hat eigentlich, was man dann ſieht, wenn durch Flexion eine Silbe angeſetzt iſt, den weichen Laut, am Ende des Wortes aber verhärtet ſich dieſer. Das iſt eine Eigenthümlichkeit der deutſchen Sprache. Solchen Schülern, die Engliſch lernten, konnte geſagt werden, daß ſich die deutſche Sprache hierin von der engliſchen unterſcheidet, in welcher z. B. bend anders lautet als bent.

Wenn wir uns mit der Ausſprache beſchäftigten, kam wohl die Frage, ob es eine einzig richtige Ausſprache für jedes deutſche Wort gebe. Dieſe Frage wurde verneint. Das r lautet in manchen Mundarten härter, in andern weicher; das I hört man(z. B. in Holſtein und wiederum