Aufsatz 
Erfahrungen und Ansichten mit Bezug auf den deutschen Aufsatz in der Bürgerschule
Entstehung
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Und daran knüpfen ſich dann jeneStufenleitern undDefinitionen. Es werden den Schülern dabei die Ausdrücke höherer und niederer Begriff, Inhalt und Umfang eines Begriffes, weſentliche und unweſentliche(zufällige) Merkmale zur Kenntniß und zum Verſtändniß gebracht; es wird geſagt, die Definitionen dürften weder zu weit noch zu eng ſein; die Stufenleitern werden geprüft,von oben nach unten(z. B.: Gibt es unter den Thieren neben den wirbelloſen noch andere?) undvon unten nach oben(z. B.: Gehören alle Meſſer zu den Schneidwerkzeugen?).

Die Behandlung der Aufſätze ſelbſt war, wenigſtens meinem Streben nach(denn daß das Ziel nicht immer erreicht wurde, iſt wohl nicht nöthig zu ſagen) im Allgemeinen(im Einzelnen wird hierzu ſpäter Manches mit Bezug auf einzelne Arten von Aufgaben zugeſetzt werden müſſen) folgende. Der Gegenſtand des zu fertigenden Aufſatzes wurde genannt, dann beſprochen. Bei dieſem Beſprechen, ſowie bei allem Folgenden, verhielten ſich die Schüler natürlich nicht bloß leidend oder aufnehmend, ſondern wie bei jedem Unterrichte wurde auch hier ihre Selbſtthätigkeit ſo viel wie möglich in Anſpruch genommen. Es wurde geordnet, disponirt. Vor manchen vielleicht gerade bei der eben geſtellten Aufgabe häufig vorkommenden ſprachlichen und ſachlichen Fehlern wurde gewarnt. Öfters wurde ein paſſender Anfang vorgeſchlagen. Zuweilen las ich auch noch einen von mir im Sinne der Schüler ausgearbeiteten oder einem Buche entnommenen Aufſatz ähnlichen In⸗ halts vor.(Beiläufig will ich hier bemerken, daß ich dies auch manchmal nach Ablieferung der Ar⸗ beiten gethan habe. Ich glaube, es wäre für die Schüler und nicht bloß für ſie gut, wenn der Lehrer ihnen nicht ſo gar ſelten eine von ihm ſelbſt gefertigte Löſung der Aufgabe vortragen wollte.) Nachdem nun alſo die Schüler in den Stand geſetzt waren, die Aufgabe zu löſen, wurde ihnen aufgegeben, dies zu thun, meiſt als häusliche Arbeit; zuweilen, bei Aufgaben leichteren In⸗ halts und beſchränkteren Umfangs, zur Üübung im raſchen Arbeiten, zur augenblicklichen Ausführung in der Schule.

Die abgelieferten Arbeiten korrigirte ich außer der Stunde(ich habe es nie verſtanden, während der Schulſtunde eine größere Anzahl von Heften gründlich durchzuſehen; ich hatte nie Zeit dazu) zuerſt mit Beziehung auf Rechtſchreibung. Denn ehe an eine Beurtheilung der Sache ſelbſt gegangen werden konnte, mußten zuerſt die äußerlichen Mängel entfernt werden. Die ortho⸗ graphiſchen Fehler wurden von mir unterſtrichen; alle diejenigen, aus deren Beſprechung eine Beleh⸗ rung gewonnen werden konnte, ſchrieb ich mir zuſammen auf ein Blatt, und in der Stunde beſprach ich dieſe, ohne zu ſagen, welcher Schüler dieſen oder jenen Fehler gemacht habe. Ich wollte dadurch bewirken, daß um ſo beſſer Alle aufmerkten.

Aber, könnte man fragen, waren denn die Erſtkläſſer der Mittelſchule noch ſo ſchwach in der Rechtſchreibung, daß eine ganze Stunde dazu nöthig war, dieſe Fehler, die gar nicht hätten vor⸗ kommen ſollen, durchzunehmen? Nun, ich weiß nicht, wie es Hauſchild angefangen hat, der eine Methode gefunden haben wollte, orthographiſche Fehler faſt unmöglich zu machen; mir iſt dies nie gelungen; es fand ſich manchmal, bei vierzig bis fünfzig Schülern, nur allzureicher Stoff zu Rügen und Belehrungen. War die Maſſe der Fehler nicht ſo bedeutend, ſo konnte auf Einzelnes, z. B. die Nachſilben lich, ig, iſch, die Regeln übereck und tz u. ſ. w. genauer einge⸗ gangen, es konnten Beiſpiele geſucht und gebildet werden. Häufige Veranlaſſung zu Beſprechungen gaben gewiſſe Fehler, denen unſere Gegend mehr als manche andere ausgeſetzt iſt, z. B. die Ver⸗ wechſelung von bl und pl, dr und tr, g und ch, ſ und ß. Es wurde dabei eingegangen auf Ab⸗