Aufsatz 
Erfahrungen und Ansichten mit Bezug auf den deutschen Aufsatz in der Bürgerschule
Entstehung
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einander unterſtützen, dadurch daß jeder auf Reinheit der Sprache ſowie auf Richtigkeit und Wahrheit des Inhalts Werth legt.

Noch eine Forderung möchte ich an die Aufgaben ſtellen: ſie müſſen für den Schüler Intereſſe haben. Dies wird um ſo mehr der Fall ſein, je mehr ſie aus ſeinem Leben genommen ſind. Sache des Lehrers iſt es, mit Hinblick auf ſeine Schüler die richtige Auswahl zu treffen und das vielleicht ſchlummernde oder ſchwache Intereſſe zu wecken und zu ſtärken.

Weiter will ich mich hier nicht auf Allgemeines über Aufſätze auslaſſen; wer Solches ſucht, mag mit Nutzen die Abhandlungen von Deinhardt, K. A. Schmid und Eiſenlohr in Schmid's Encyklopädie nachleſen und kann da auch noch eine reiche Auswahl von Schriften, die dieſen Gegen⸗ ſtand behandeln, angeführt finden.

Ich will nun darlegen, was ich ſelbſt in dieſer Sache in den Jahren 1844 bis 1857 gethan und erfahren habe. Ich hatte zu jener Zeit den deutſchen Sprachunterricht in der oberſten Knaben⸗ klaſſe der ehemaligen Mittelſchule in unſerer Stadt zu beſorgen. Dieſe Schule könnte man als gehobene Volksſchule, gehobene Elementarſchule, Bürgerſchule bezeichnen; ſelbſt von manchen damaligen ſüddeutſchen ſ. g.höheren Bürgerſchulen undRealſchulen unterſchied ſie ſich ihrem Organismus nach nicht bedeutend. Der Kurſus jeder Klaſſe war zweijährig; die durchſchnittliche Schülerzahl in der oberſten Knabenklaſſe betrug fünfundvierzig, die Schüler waren 12 bis 15 Jahre alt.

Von den vier wöchentlichen deutſchen Sprachſtunden beſtimmte ich eine für Aufſätze. In dieſer oder für dieſe ließ ich auch zuweilen kleine Arbeiten machen, die nicht füglich Aufſätze zu nennen ſind, nämlichStufenleitern undBegriffsbeſtimmungen(Sefinitionen). Alſo z. B.: Ding wirkliches Ding Naturweſen(Naturprodukt, Geſchöpf) Thier wirbelloſes Thier Inſekt Biene Honigbiene. Oder: Ding wirkliches Ding Kunſtprodukt Werk⸗ zeug Schneidwerkzeug Meſſer Federmeſſer. Ebenſo dann Definitionen von mancherlei Natur⸗ und Kunſtprodukten. Daran ſchloſſen ſich Erklärungen ſinnverwandter Wörter. Dieſe Üübungen finden ihre Stelle z. B. auch im naturgeſchichtlichen und im geometriſchen Unterrichte(hier beiſpielsweiſe bei der Eintheilung der Vierecke), aber auch in den deutſchen Sprachunterricht gehören ſie. Man könnte ſie hier Vorübungen nennen. Doch gab ich ſie nicht zu Anfang des Unterrichts, nicht ehe ein Aufſatzgegenſtand beſprochen wurde, ſondern bei Gelegenheit ſolcher Beſprechungen. Denn vorher könnten ſie dem Schüler kein Intereſſe abgewinnen. Ebenſo geht es mit ſ. g. Vor⸗ übungen oder Vorbegriffen in andern Gegenſtänden. Man iſt wohl ziemlich allgemein davon zurück⸗ gekommen, beim geographiſchen Unterrichte mit ſ. g.Vorbegriffen zu beginnen und, ehe man noch einen wirklichen Landſtrich zur geiſtigen Anſchauung bringt, Definitionen von Berg und Hügel, Thal und Schlucht zu geben. Ebenſo wird kein verſtändiger Lehrer der Geometrie mit der ganzen Reihe der euklidiſchenErklärungen, Forderungen und Grundſätze anfangen. Sondern im erſten geographiſchen Unterrichte führt man dem Kinde die heimatliche Gegend vor; da kommen denn auch wohl ſeiner Zeit Berge, Bäche, Inſeln zur Beſprechung, und in Anknüpfung an den einzelnen Fall wird der Schüler darüber belehrt, was das rechte Ufer eines Fluſſes, was der Gipfel eines Berges u. ſ. w. ſei. Und im erſten geometriſchen Unterrichte bringt man wirkliche Körper zur Anſchauung und an dieſen zeigt man, was Fläche, Kante, Linie, Punkt, Winkel iſt. Ähnlich auch hier. Wenn ein Aufſatz etwa über die Sachſenhäuſer Brücke oder über den Storch aufgegeben werden ſoll, ſo kommt man bei der Vorbeſprechung naturgemäß auf die Fragen: Was iſt eine Brücke? Was iſt ein Storch?