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Allerdings müſſen wir Fehler vermeiden, wie ſie eine frühere Zeit vielfach begangen hat. Es liegen Aufſätze vor mir, die ich vor mehr als vierzig Jahren als Tertianer und Sekundaner des hieſigen Gymnaſiums geſchrieben habe: ich mußte da ſprechen„vom wohlthätigen Einfluſſe des Gehorſams gegen die Eltern“,„von der Zufriedenheit“,„von den verſchiedenen Beweggründen zur Wohlthätigkeit“; ich mußte brieflich einen Freund, der aus nichtigen Gründen das Handlungshaus, in welchem er angeſtellt war, verlaſſen wollte, zum Bleiben zu bewegen ſuchen; mußte einen andern, der in Gefahr war ſich dem Trunke zu ergeben, vor dieſem Laſter warnen. Es war da dem Knaben und angehenden Jünglinge zugemuthet, was Sache des gereiften Mannes iſt. Mein würdiger Lehrer H., den ich namentlich wegen ſeiner ſittlichen Einwirkung auf die Schüler hoch verehre, würde mir, wenn er noch lebte, darin beiſtimmen, daß ich dieſe Aufgaben als verfehlt bezeichne. Viele ſolche Themen, auch etwa andere, wie„Empfindungen bei dem Anblick der aufgehenden Sonne“, fanden ſich in dem damals ſo beliebten Falkmann. Wie viel Unverſtandenes, wie viele leere Phraſen, wie viel Unnatur kam da in den Ausarbeitungen zu Tage.
Man iſt jetzt, wenigſtens in der Theorie, darüber klar und einig: die zu behandelnden Gegen⸗ ſtände müſſen innerhalb des Geſichtskreiſes der Schüler liegen; der Schüler muß den Stoff beherrſchen. Ferner, wie ich glaube, darüber: ausgeſchloſſen bleibe Subjektives, Gefühle und Empfindungen, überhaupt Alles, was im Innerſten des Herzens und des Gemüthes ſeinen Platz hat, wo es ſtill und unbemerkt keimen und reifen ſoll. Solches herauszulocken, würde allerdings— und hierin hat Wackernagel recht— Verletzung der geiſtigen Keuſchheit herbeiführen.
Nun, wenn wir auch alſo eine ganze Reihe von Gegenſtänden, wie ſie früher an der Tagesordnung waren, ausſchließen, ſo bleibt uns noch genug unter dem Himmel und auf der Erde und bei den Menſchen, die gelebt haben, und bei denen, die jetzt in unſerer Nähe und in fernen Ländern leben, zu beſprechen und aufzuſchreiben.
Aber all dies gehört ja in beſtimmte Unterrichtsfächer; da kann ja der Lehrer der Geſchichte, der Geographie, der Naturgeſchichte, der Phyſik Ergebniſſe ſeines Unterrichts aufſchreiben laſſen; es ſind dann auch„Aufſätze“ geliefert; er ſoll darauf halten, daß ſie nach Form und Inhalt gut ſind; brauchen wir da noch beſondere Aufſätze in der deutſchen Sprachſtunde? So ſagt Mancher, und er denkt dabei, die von ihm aufgeworfene Frage ſei zu verneinen. Ich glaube es aber doch nicht. Allerdings ſchreibe ich jenen Ausarbeitungen über Reales bedeutenden Werth zu; gewiß fördern ſie auch, gut geleitet und überwacht, die Reinheit und Geläufigkeit des ſchriftlichen Ausdrucks; bei der Durchſicht und Beurtheilung hat aber doch der Lehrer hauptſächlich das Sachliche ins Auge zu faſſen; er hat gar keine Zeit, das Sprachliche weitläuftiger zu behandeln. Seine Aufgabe iſt z. B., in einem Jahre die Klaſſe der Vögel durchzunehmen. Die Ausarbeitung, die er von ſeinen vielleicht fünfzig Schülern etwa über die Geier erhält, würde ihm reichen Stoff zu ſprachlichen Bemerkungen bieten; aber— er muß eilen, ſonſt würde er mit ſeinem Gebiete nicht fertig werden. Er kann(und ſoll) alſo Sprachliches nur kurz andeuten. Die nämliche Aufgabe, in der deutſchen Sprachſtunde als „Aufſatz“ geliefert, würde ſachliche Fehler allerdings nicht ungerügt laſſen, dieſe Rüge aber nur kurz ausdrücken, nicht tiefer auf das Sachliche eingehen, dagegen Sprachliches bedeutender betonen. Ich bin demnach der Anſicht, die„Aufſätze“ ſeien nicht den Lehrern jener Realfächer allein zu überlaſſen, ſondern ihre Pflege ſei hauptſächlich die Sorge des Lehrers der deutſchen Sprache. Allerdings können und ſollen beide, der Lehrer der deutſchen Sprache und der der Naturgeſchichte oder Geographie,


