Aufsatz 
Erfahrungen und Ansichten mit Bezug auf den deutschen Aufsatz in der Bürgerschule
Entstehung
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Erfahrungen und Anſichten mit Bezug auf den deutſchen Aufſatz in der Bürgerſchule.

Wem Gott die Gnade verliehen hat, auf eine lange Zeit des Strebens und vielleicht auch Wirkens zurückblicken zu können, dem mag es wohl einmal erlaubt ſein, aus ſeiner eigenſten Erfah⸗ rung Einiges mitzutheilen, in der Hoffnung, daß vielleicht einer oder der andere ſeiner Berufsgenoſſen einen Gedanken ausgeſprochen findet, der ihm und ſomit auch ſeiner Schule fruchtbar ſein kann.

Wenn zwar auf dem Gebiete des Unterrichts Alles ſeinen beſtimmten Platz, ſeine feſte Grenze, ſeine unabänderliche Regel hätte, dann würden die Erfahrungen eines Einzelnen ohne Werth ſein; es würde von den Lehrern gelten, was wohl von den alten Ägyptern geſagt wurde: So wie Einer iſt, ſo ſind ſie Alle; höchſtens könnte ein Unterſchied darin liegen, ob Einer die Regel beſſer befolgt als der Andere. So iſt es aber hier nicht. Die Frage:Wie ſpricht ein Geiſt zum andern Geiſt? iſt für das Verhältniß von Lehrer und Schüler noch nicht allſeitig gelöſt, es iſt für ihre Löſung noch keine Formel gefunden; und mögen auch noch ſo genaue Anweiſungen und Vorſchriften gegeben werden: es wird doch das Eigenartige, Individuelle ſein Recht behalten. Es läßt ſich eben natürlich der Unterricht nichtmechaniſiren.

Und ſo herrſchen noch immer über Vieles auf dieſem Gebiete verſchiedene Anſichten. Sehr verſchiedene beſonders auch über den deutſchen Aufſatz in der Schule, oder über die den Schülern zu gebende Anleitung, ihre Gedanken ſchriftlich auszudrücken. Während(vergl. Schmid, Encyklo⸗ pädie I, 349) Graffunder eine Erlöſung des Volkes aus der geiſtigen Sklaverei nur davon erwartet, daß das durch den bisherigen Volksunterricht weſentlich nur zum Leſen gebrachte Volk in ein ſchreibendes, d. i. ſeine eigenen Gedanken faſſendes, betrachtendes, ordnendes Volk verwandelt werde(auch Dieſterweg ſpricht dieſen Gedanken einmal gelegentlich aus), verwirft Philipp Wackernagel jede Übung in Aufſätzen, die über Reproduktion hinausgehe, als ſittliche Gefahren herbeiführend. Die gegenwärtige Schulpraxis in Deutſchland iſt, daß ſo ziemlich in allen Schulen, mit Einſchluß ſelbſt der einklaſſigen Landſchule, Anleitung zum ſach- und ſprachrichtigen ſchriftlichen Ausdruck von Gedanken gegeben, daß in allen SchulenAufſätze gemacht werden. Und ſagt auch ein Berufsgenoſſe, der Aufſatz ſei bei unſerm Unterrichte etwas ganz Seltſames, Abnormes, verſtehe ſich nicht ſo von ſelbſt, wie z. B. der Unterricht im Dividiren oder in der Naturgeſchichte; man begreife eigentlich gar nicht, wie er in die Schule eingedrungen ſei: ſo läßt doch auch dieſer, wenn er mit dem deutſchen Unterrichte betraut iſt, Aufſätze machen, und ſieht, wie dadurch ſeine Schüler geiſtig erſtarken, und freut ſich deſſen, und unterſtützt ſie. Wir könnten, wie einmal die Sachen jetzt bei uns ſtehen, den Aufſatz gar nicht entbehren.