Aufsatz 
Zur Beantwortung der Frage: Wer hat die Jungend zu erziehen?
Entstehung
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Mancher Knabe bedarf der elterlichen Sorge für ſeine Schularbeiten nicht: er hält gute Ordnung, gibt ſich Mühe in dem, was ihm aufgegeben iſt, hält etwas auf ſich und auf das, was er zu liefern hat. Er freut ſich, wenn ihm etwas Schönes gelungen iſt, und der Lehrer theilt dieſe Freude, und auch die Eltern können ſie theilen, können öfters die Schularbeiten der Kinder anſehen und ſich darüber äußern; es iſt das wohlthuend für den Sohn; er wird auch dadurch beſtärkt werden, auf gutem Wege zu bleiben. Einem ſolchen Knaben kann man übrigens die Sorge für ſeine Schul⸗ arbeiten ganz allein überlaſſen; man braucht ihm im Hauſe keine Zeit dazu zu beſtimmen; er mag ſich dieſe Beſtimmung ſelbſt treffen; und wenn er heute einmal, ehe er an ſeine Schularbeiten geht, ſeine Raupen verſorgt oder ſeine Steinſammlung ordnet, ſo mag man ihn ganz ruhig gewähren laſſen. In Erziehungsanſtalten iſt es allerdings anders: da ſind beſtimmte Arbeitsſtunden feſtgeſetzt; es kann das da wohl nicht anders ſein. Ich habe dieſe feſte Beſtimmung aber niemals für einen Vorzug jener Anſtalten angeſehen, ich ſehe es vielmehr für einen großen Vorzug der häuslichen Erziehung an, daß der Knabe natürlich nur der wohlgeſinnte, fleißige Knabe die Zeit zum Arbeiten wenigſtens in der Regel ſelbſt wählen kann. Er gewöhnt ſich dadurch an etwas, das er ſpäter im Leben braucht, nämlich daran, einen eigenen Entſchluß zu faſſen.

Im Gegenſatze mit dem eben geſchilderten Knaben bedürfen andere ſehr der häuslichen Sorge für ihre Schularbeiten. Ich ſpreche hier nicht eigentlich von den Kleinen, von den Anfängern in den erſten Schuljahren: denn daß deren Schularbeiten etwa die Mutter oder eine ältere Schweſter leitet, bis der Kleine einmal ſelbſtändiger hierin geworden iſt, das iſt ebenſo natürlich, als daß man den Kindern z. B. beim Ankleiden hilft, bis ſie darin der Hülfe entbehren können und ſich nun freuen, daß ſie eine höhere Stufe der Selbſtändigkeit erreicht haben; ſondern ich habe Schüler unſerer mittleren und oberen Klaſſen, Knaben von neun oder zehn bis vierzehn oder fünfzehn Jahren im Auge. Ich meine auch nicht eine Nachhülfe der Art, daß dadurch den Kindern eigentlich die geiſtige Arbeit abgenommen wird und ſie faſt bloß niederſchreiben, was ihnen vorgeſagt oder was mit Mühe aus ihnen herausgepreßt wird. Eine ſolche würde nur Geiſtesträgheit nähren, die Bildung des eigenen Willens, des ernſten Entſchluſſes, der Selbſtändigkeit hemmen, würde nur verderblich wirken. Endlich meine ich auch nicht, daß die häusliche Sorge dahin gehen ſolle, zu bewirken, daß die Arbeit ganz im Sinne der Aufgabe und ganz fehlerlos im Hefte ſtehe. Es würde ja dann der Lehrer in der Beurtheilung des Schülers irre geführt werden; er würde, gewiß manchmal irrthümlich, glauben, es ſei volles Verſtändniß da, und würde alſo nicht, was doch manchmal nöthig wäre, ſich bemühen, ein ſolches hervorzubringen; ſondern die häusliche Hülfe dringe nur darauf, daß der Knabe die aufgegebene Arbeit ſo, wie er ſelbſt ſie auffaßt, mit allem Fleiße, ſo gut als es ihm möglich iſt, zur rechten Zeit mache und daß er ſie zur rechten Zeit abliefere.

Aber, werden Sie fragen und wir ſind manchmal ſchon ſo gefragt worden woran erkenne ich denn, ob gerade mein Sohn dieſer Hülfe bedarf? Nun, es gibt doch Manches, woran Sie dies wenigſtens vermuthen, vielleicht auch ſicher erkennen können. Schon die halbjährlichen Zeugniſſe können ihnen Winke geben. Manchmal wenden wir uns auch geradezu an Sie, und ſchreiben unter eine Arbeit eine Bemerkung mit dem Erſuchen an Sie, durch Ihre Unterſchrift zu bezeugen, daß Sie dieſelbe geleſen haben.

Dies hat manchmal ſchon nachhaltig geholfen: der träger gewordene Knabe wurde zu Hauſe

eine Zeitlang zum regelmäßigen Arbeiten angehalten, er ſah nun, daß er doch, woran er vielleicht Mittlere Bürgerſchule. 4 4