Aufsatz 
Zur Beantwortung der Frage: Wer hat die Jungend zu erziehen?
Entstehung
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immer noch iſt es Regel, daß die deutſchen Eltern ihre Kinder ſelbſt erziehen. Ob dies gerade immer auf die rechte Weiſe geſchehe, darüber haben wir hier nicht zu ſprechen; freuen wir uns aber, als Thatſache, die den lebendigen Familienſinn unſeres Volkes bekundet, aufſtellen zu können, daß es geſchieht.

Aber die Eltern können in der Regel nicht die ganze Erziehung übernehmen; einen Theil, den der Ausrüſtung mit Kenntniſſen, müſſen ſie andern Händen anvertrauen. Denn ſie haben meiſt, bei ihren nothwendigen Berufsgeſchäften, keine Zeit, ſich auch noch mit dem Unterrichte ihrer Kinder zu befaſſen, und wenn ſie auch die Zeit hätten, ſo fehlte ihnen, deren eigene Schulzeit Jahrzehnte zurückliegt, ſo manches an den Kenntniſſen, die das Heute verlangt.

Ausnahmen gibt es auch hiervon.Jener Mann heißt es wohl,hat ſein Geſchäft aufgegeben, er widmet ſich ganz der Erziehung ſeiner Kinder, er unterrichtet ſie ſogar ſelbſt. Das iſt zwar recht liebevoll von dieſem Manne; aber, auch den Fall geſetzt, daß er ſeine eigenen Kenntniſſe und ſeine Lehrfähigkeit nicht überſchätze, ſo iſt es doch in den meiſten Fällen, beſonders wenn ſeine Kinder Knaben ſind, nicht gerathen und nicht klug; er beraubt dadurch ſeine Kinder einiger gar nicht unwichtigen Mittel der Erziehung; wir kommen ſpäter darauf zurück. Auch würde andrerſeits dieſer Vater viel⸗ leicht beſſer zur Erziehung ſeiner Kinder beitragen, wenn er ihnen an ſich ſelbſt ein Beiſpiel von Thätigkeit und Treue in ſeinem Berufe gäbe.

Dieſe Ausnahmen ſind übrigens bei uns gar nicht häufig. Anders iſt es z. B. in Island; da leben die Familien meiſt einzeln auf ihren Höfen, manchmal in weiter Entfernung von ihren nächſten Nachbarn; einen großen Teil des Jahres hindurch würde Kälte und Schnee einen weiten Weg zur Schule unmöglich machen. Und da unterrichtet denn der Vater ſelbſt ſeine Kinder, im väter⸗ lichen Glauben, im Leſen und Schreiben, in der Geſchichte und in allem Andern, was ihnen ſonſt an Kenntniſſen und Fertigkeiten die Schule gegeben hätte. Und es wird uns geſagt, daß jeder Isländer leſen kann und mit der Geſchichte ſeines Landes und mit der bibliſchen Geſchichte vertraut iſt. So i*ſt denn dieſer Unterricht, im Verhältniß zu den Umſtänden, ein guter. Ähnlich mag es in einigen Gegenden Norwegens und auf den Prairien Nordamerikas ſein, und überhaupt überall, wo keine Schulen gegründet werden können. Aber dort ſind eben ganz andere Zuſtände als hier; was dort paßt, möchte hier nicht am rechten Platze ſein. Bei uns iſt es, unſern Verhältniſſen gemäß, das Gewöhnliche, daß die Kinder von einem gewiſſen Alter an für einige Stunden des Tages der Schule überwieſen werden, für die übrige Zeit aber dem Hauſe gehören.

In der Schule ſind es natürlich zunächſt die Lehrer, die an der Erziehung der Kinder zu arbeiten haben. 3

Es iſt allerdings die Frage aufgeworfen worden: Soll die Schule erziehen? Und gewiſſen unberechtigten Forderungen gegenüber, die von manchen Seiten an die Schule gemacht werden, ant⸗ worten auch tüchtige, ernſte Schulmänner:Nein, die Schule ſoll nicht erziehen, ſie ſoll nur unterrichten. Nun, der Unterricht gehört offenbar auch zur Erziehung; daß der Menſch ſeinem Ideale näher komme und daß er ein tüchtiges Glied der menſchlichen Geſellſchaft werde, dazu braucht er auch Kenntniſſe, und dieſe gibt ihm die Schule. Jene Schulmänner nehmen hierbei das Wort Er⸗ ziehung in dem allerdings auch ſtatthaften engeren Sinne, der von einer erziehenden Ein⸗ wirkung nicht ſowohl auf den Verſtand als auf das Gemüth ausgeht. Wenn wir aber auch den Begriff Erziehung enger begrenzen, ſo iſt es doch unleugbar, daß die Schule ſchon um ihrer ſelbſt