Aufsatz 
Zur Beantwortung der Frage: Wer hat die Jungend zu erziehen?
Entstehung
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Die erſte Antwort iſt leicht zu geben: es ſind vornehmlich die Eltern. Ihnen ſind die Kinder geſchenkt, anvertraut, ſie haben dieſe leiblich, ſittlich und geiſtig zu pflegen; haben durch Beiſpiel, Lehre, Mahnung, Warnung, bei ſittlichen Ausſchreitungen auch durch die Arzneimittel der Strafe zu ſorgen, daß das Gute in den Kindern zur Entwickelung komme, haben ſich zu bemühen, das Unkraut des Böſen zu vertilgen. Sie ſind die natürlichen hauptſächlichſten Erzieher der Kinder. Es iſt ihnen damit eine große Verpflichtung auferlegt.

Das wird doch auch in unſerm Lande von den allermeiſten Eltern eingeſehen, und in Deutſch⸗ land iſt es wenigſtens in den mittleren geſellſchaftlichen Kreiſen eine Seltenheit, wenn Eltern ihre Kinder ganz weggeben, ſie Andern ganz zur Erziehung überlaſſen. Eine Seltenheit iſt es, aber aller⸗ dings nicht ohne Beiſpiele. Beweiſe ſind die vielen beſtehenden und zum Theil blühenden Erziehungs⸗ anſtalten. Warum werden Kinder ſolchen übergeben? Wenn etwa der Tod Vater oder Mutter weg⸗ genommen hat, dann mag ſich wohl der überlebende Theil vielleicht manchmal mit Recht nicht für fähig halten, die eigenen Kinder allſeitig zu erziehen, und er wählt jenes Auskunftsmittel, das unter Umſtänden ſehr vortrefflich ſein kann. In dieſem Falle treten die Vorſteher der Anſtalt an die Stelle der Eltern und haben alle elterlichen Pflichten mit Bezug auf die Erziehung der Kinder nach Kräften zu erfüllen. Ganz vollkommen können ſie dies allerdings nicht; es fehlt immer hier etwas, das eben nicht erſetzt werden kann.

Auch wo beide Gatten noch leben, fühlen ſie ſich manchmal außer Stande, ihre Kinder ſelbſt zu erziehen; vielleicht iſt das Kind, durch üble Geſellſchaft verleitet, auf Irrwege gerathen, und Vater und Mutter glauben, manchmal mit gutem Grunde, daß es eher an einem andern Orte als in ihrem Hauſe wieder auf den rechten Weg gewieſen werden könne. In unſerm Nachbarlande Frankreich ge⸗ hört es, auch ohne ſolche Vorkommniſſe, in vielen Kreiſen zum ſogenannten guten Tone, die Kinder nicht ſelbſt zu erziehen, ſondern ſie in Penſionate zu ſchicken. Es iſt das kein gutes Zeichen für das Familienleben jenſeits des Rheins, und aufmerkſame Beobachter finden auch, daß dieſes Verfahren keine guten Früchte trägt.

Manche Eltern, auch bei uns in Deutſchland, ſind, weil es ihnen an ſittlicher Kraft oder auch an Eintracht fehlt, in der That nicht im Stande, ihre Kinder zu erziehen, auch wenn ſie es wollten. Ihnen werden wohl dieſe Kinder, dieverwahrloſten und ſittlich gefährdeten, auch gegen ihren Willen, um der Kinder ſelbſt willen, für eine Zeitlang entzogen; Rettungshäuſer nehmen die Kinder auf. Solche würden nicht nöthig ſein, wenn alle Eltern ihre Pflicht erkenneten und befolgten; da dies aber nicht der Fall iſt, ſo ſind ſie eine Nothwendigkeit, und im rechten Geiſte geleitet, können ſie Erfreuliches wirken. Hier treten nun dieſe Rettungsanſtalten ganz, oder doch ſo viel wie möglich, an die Stelle der Eltern.

Vor ſechzig bis ſiebzig Jahren, in der Zeit des Druckes durch unſre weſtlichen Nachbarn und ihren korſiſchen Imperator, glaubte ein edler deutſcher Mann, Johann Gottlieb Fichte, das ganze Geſchlecht in Deutſchland ſei ſo tief geſunken, daß die Eltern überhaupt nicht fähig ſeien, ihre Kinder zu erziehen. Dieſe ſollten, ſo war ſeine Anſicht, die er in den im Winter von 1807 auf 1808 in Berlin gehaltenenReden an die deutſche Nation ausſprach, großen Erziehungsanſtalten über⸗ wieſen werden. Er dachte dabei wohl an das eiſerne Geſchlecht, das, gleichfalls in früher Jugend der Familie entnommen, einſtens in Sparta aufwuchs, und er meinte, ein ſolches ſei gerade zur Zeit auch in Deutſchland zu erziehen nöthig. Seine Gedanken kamen nicht zur Ausführung, und