Zur Beantwortung der Frage: Wer hat die Jugend zu erziehen?
Wenn es meine Aufgabe wäre, eine gelehrte Abhandlung zu ſchreiben, ſo müßte ich noth⸗ wendig mit einer Erklärung oder Definition von„Erziehung“ anfangen, und müßte entweder aus den vielen bereits aufgeſtellten eine als die richtige auswählen oder, da alle dieſe nicht vollſtändig zu genügen ſcheinen, ſelbſt eine neue verſuchen. Dieſe Aufgabe aber habe ich hier nicht; ſondern ich will nur mit Bezug auf obige Frage einige Gedanken äußern, die, wenn auch nicht neu, doch, wie ich glaube, wieder einmal vorgebracht werden dürften, und deren Erwähnung vielleicht gerade jetzt und gerade hier nicht unpaſſend ſein möchte. Und ſo nehme ich denn Umgang von jener Definition; kann ich ja doch auch überzeugt ſein, daß jeder meiner Leſer mit„erziehen“ eine mehr oder weniger be⸗ ſtimmte Vorſtellung verbindet, mag es der eine nun nehmen als„zu Gott hinziehen“, ein anderer als„den Menſchen zum wahren Menſchen ausbilden“, oder„ſorgen, daß das Urbild des Einzelnen zur Wirklichkeit werde“, oder„darauf hinwirken, daß die perſönliche Eigenthümlichkeit des Einzelnen ſich darſtelle“, oder„bemüht ſein, daß das rein Menſchliche eine Geſtalt gewinne“, oder„abſichtlich auf Unmündige einwirken, damit dieſe zu Mündigen werden“, oder„den Menſchen zu einem würdigen Gliede der Geſellſchaft heranbilden“, oder irgendwie anders.
Treten wir nun alſo der Frage ſelbſt näher.
„Den Menſchen“, ſo ruft man uns wohl von einer Seite her zu,„erzieht das Leben“. Das iſt richtig. Zum Leben gehören die Erlebniſſe, alſo was uns begegnet, was man gewöhnlich Glück oder Unglück nennt, Erfolge und Hemmungen, Erfüllung und Vereitlung von Hoffnungen, Geſundheit und Krankheit, Ueberfluß und Mangel, Anerkennung und Verkennung. All dies kann, das iſt ganz gewiß, dazu führen, die Erziehung des Menſchen zu fördern, und unter einer gewiſſen Bedingung (Röm. 8, 28) wird es dies auch thun. Aber darauf verlaſſen können wir uns nicht; das Glück kann auch hochmüthig, das Unglück kleinmüthig machen, und ſomit kann Beides auch dem Erfolge der Erziehung hinderlich ſein. Es iſt übrigens nicht nöthig, gegen die Anſicht, als ſolle man die Erziehung lediglich dieſem ſogenannten„Leben“ überlaſſen, weiter zu ſprechen; gewiß theilt ſie keiner meiner Leſer. Überläßt ja doch auch der verſtändige Gärtner den jungen Baum, deſſen Früchte er einſt genießen will, nicht lediglich der Erziehung durch Wind und Wetter und Regen und Sonnenſchein, und der kluge Landmann pflegt ſorgſam das junge Thier, das ihm, erwachſen, einſt dienen ſoll.
Zum„Leben“ gehört ja übrigens auch das Leben und der Umgang mit Menſchen. Und hier kommen wir der Frage ſchon näher. Welche Menſchen alſo ſind es, die die Erziehung der Jugend zu beſorgen oder doch zu ihr beizutragen haben?


