Aufsatz 
Textberichtigungen zur Antigone des Sophokles / von Heinrich Feußner
Entstehung
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In der erſten Strophe wird das argiviſche Heer in einer Art Perſonifikation als der weiß⸗ ſchildige, von Argos mit ſeiner geſammten Macht herangezogene Mann (Krieger) aufgefaßt und als ſolcher dann in zwei Zeitabſchnitten ſeines Auftretens, nämlich 1) als von Argos her über das thebaniſche Land heranziehendes Heer unter dem Bilde eines auf ſeinen Raub ausfliegenden gewaltigen Adlers im erſten anapäſtiſchen Syſtem, 2) als vor Theben angelangtes, ſtillſtehendes und die Stadt rings mit ſeinen Kriegern eng einſchließendes Heer unter dem Bilde einer ihre Beute eng umſchnürenden und mit gähnendem Rachen den tödtlichen Biß auszuführen im Begriff ſtehenden Schlange in der zweiten, der Gegenſtrophe, geſchildert. Dieſer doppelte Vergleich iſt alſo vollſtändig durch die zwie⸗ fache und zwei verſchiedenen Zeitabſchnitten angehörige Erſcheinungsform, die der verglichene Gegen⸗ ſtand darbietet, gerechtfertigt; der Dichter folgt nur der in Wirklichkeit vorgehenden Wandlung ſeines Gegenſtandes mit ſeinem durchaus naturwahren Bilde, und dieß darf daher in keinem Fall, wie es von vielen Herausgebern geſchehen iſt, als ein fehlerhaftes Herausfallen aus einem begonnenen Vergleich angeſehen und, um das nicht auf den Dichter kommen zu laſſen, durch gezwungene Er⸗ klärung abzuwenden verſucht werden. Sichtlich hat zudem der Dichter ſelbſt Sorge getragen, die Scheidung der zwei Zeitabſchnitte, denen ſeine verſchiedene Bilder gelten, durch die recht markirte Gegenüberſtellung der Participien dSeis(V. 111) und*α⁴ας s(V. 117), die den Anfang jedes der beiden Zeitabſchnitte bezeichnen, kenntlich hervorzuheben, und man hat ſich daher wohl zu hüten, dieſe Participien auf verſchiedene Subjekte zu beziehen und dadurch die klar gegliederte Schilderung des Dichters zu zerrütten.

Es hindert nun die Scheidung dieſer zwei, in verſchiedener Zeit liegenden Erſcheinungsformen des argiviſchen Heeres durchaus nicht, daß der verglichene Gegenſtand an ſich derſelbe ſei, und daher auch die an ihm hervorzuhebenden Seiten und Eigenſchaften in beiden Erſcheinungsformen weſentlich dieſelben bleiben, und nur ihre Bezeichnung dem in jeder herrſchenden Bild ſich anzubequemen hat. Die beiden Haupteigenſchaften aber, die dieſem Heere zukommen, ſind einmal ſeine wirklich be⸗ drohliche Macht und zweitens ſeine ſtolze, prahleriſche Ueberhebung. Nach ſopho⸗ kleiſchem Kunſtſtil, und nach ihm nicht allein, iſt nun das zu ſchildernde Ganze mit Angabe ſeiner weſentlichen Eigenſchaften im knappſten Ausdruck der Schilderung gewiſſermaßen als auszuführendes Thema voranzuſtellen, und dann mit der Schilderung im Einzelnen auseinander zu legen. Nun erkennt man in den obigen lückenhaften Verſen die Stelle deutlich, wo dies geſchehen iſt; denn die zweite dieſer Eigenſchaften, die prahleriſche Ueberhebung, iſt da in knappſter Form in den Worten 68α ℳ⁴ό, entſprechend dem vorzubereitenden Bilde des Adlers, bezeichnet, und erhält dann im zweiten anapäſtiſchen Syſtem von den Worten Zedeα ueyeννς οσοσmνσςσ ϑνμμe an ihre Aus⸗ führung; die andere Eigenſchaft, die Macht, muß in der Lücke unmittelbar vorher, ebenfalls dem Bild des Adlers gemäß und auf daſſelbe vorbereitend, bezeichnet geweſen ſein; denn dieſe Stelle wird für ſie gefordert, erſtens weil die Macht die wichtigſte und darum voranzuſtellende Eigenſchaft war, und zweitens weil die unmittelbar folgende Schilderung mit Entfaltung des Machtbegriffs be⸗ ginnt und ſie in den drei letzten Verſen des erſten Syſtems ſowie in der ganzen Gegenſtrophe durchführt.

Hiermit iſt der Hauptſchritt zur richtigen Herſtellung der ſchadhaften Verſe gethan, und fügen