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„Es war dem Verfaſſer zunächſt darum zu thun, von dem kritiſchen⸗Standpunkt, den er feſt⸗ zuhalten ſich beſtrebt hat, im Ganzen Rechenſchaft abzulegen, wie im Vorſtehenden geſchehen iſt. Es läge ihm nun noch ob, ſein Verfahren auch im Einzelnen und in Bezug auf das Werk, dem die nachfolgenden kritiſchen Verſuche gelten, näher darzulegen. Aber dieſes vollſtändig zu thun, geſtattet der ihm in dieſem Programm zugemeſſene Raum nicht. Er muß ſich daher begnügen, daſſelbe nur in einigen Punkten, worin es vielleicht am erſten gefordert ſcheint, etwas näher zu kennzeichnen, und er benutzt dazu einige aus andern Sophokleiſchen Stücken entnommene Stellen.
Die erſte Anforderung, welche die philologiſche wie jede andere Kritik ihrem Weſen nach an den Ausüber ſtellt, iſt eine ſtreng durchgeführte ſelbſtſtändige Prüfung, die rein auf die Sache ſelbſt und die in ihr liegenden Entſcheidungsgründe gerichtet, überall probehaltige Begründung wie für das eigne, ſo auch für das Urtheil Anderer fordert, und ehe dieſe erlangt iſt, ſich weder durch die Menge noch durch das Gewicht der ſich für oder gegen erklärenden Stimmen mit dem unbefrie⸗ digenden Erkenntnißſtand der Sache ſich zu beruhigen beſtimmen läßt. Der Verfaſſer iſt beſtrebt gewe⸗ ſen, dieſer Anforderung, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, nachzukommen und muß in Folge deſſen an manchen Stellen die von der Kritik allgemein angefochtene und geänderte Lesart, z. B. Ant. 367 „6αουςν ππάάαεοοω ν˙ονs, wie ihres Ortes vorkommen wird, für unverderbt, dagegen an mancher andern, wo man ſie im Ganzen unangefochten läßt, für entſchieden verderbt halten, wie Ajax 144 die Lesart:
⁵ε ꝙατ˙ν Ʒπησιονμιαμάν εeνμιννν νπάιενε 6XQεσσάσ Gππιάσιν παμνα Qαάν eεiαemν in Verbindung mit V. 231 80& l Soripas 1νπονννμος πνπιντονιαν⁹τ).
Es kommt in dieſen beiden Stellen vornehmlich auf die Worte inaoliys Leuνα und Boripa irrodove an. Durch die erſtern ſoll eine für die Handlung des Trauerſpiels Ajax wichtige und darum auch dem Zuſchauer und Leſer deutlich anzugebende Oertlichkeit, nämlich die Wieſe oder der Anger bezeichnet werden, welcher dem Schlachtvieh des griechiſchen Heeres vor Troja in einiger Entfernung vom Lager zur Weide angewieſen war, um von daher bequem den täglichen Fleiſchbedarf für das Heer herbeiſchaffen zu können. Der in Wahnſinn verfallene Ajax, der um Mitternacht ſein Zelt verläßt in der Abſicht, ſeine Gegner im griechiſchen Lager zu ermorden, wird ſtatt deſſen von Athene nach dieſem Orte hingelenkt, metzelt im Wahn, ſeine Gegner vor ſich zu haben, Alles nieder, was er da vorfindet, und ruft dadurch, als ſich die Kunde von dem Geſchehenen verbreitet, in dem Heere, welches ſich infolge deſſen von Entbehrung und Hungersnoth. bedroht ſieht, die größte Erbitterung gegen ſich hervor. Dieſen Ort nun, den Weideplatz des Schlacht⸗ viehs, von dem uns der Dichter an neun Stellen ſeines Trauerſpiels nämlich V. 25— 27, 53— 54, 62— 63, 230— 231, 233— 237; 296— 297, 309, 375, 1060— 1061 genau angiebt, was Ajax dort vorfindet, nämlich: Stiere, Rinder, Widder, Schafe, Ziegen, Hirten und Hirtenhunde, ſoll der Dichter an unſerer Stelle rov irroαeτ υιαμιννπαάα die roßtolle Wieſe(Anger) nennen, obgleich von ſon⸗ ſtiger Sonderbarkeit der Bezeichnung abgeſehen, ſeiner eigenen genauen Angabe nach ſich keine Spur von Roſſen da vorfand. Da wäre alſo, wenn irgend wo, lucus a non lucendo benannt; und das ſollte ein Dichter wie Sophokles ſo ganz ohne jeden erſichtlichen Grund gethan haben? Und ferner, er ſollte die dort das Schaf⸗, Ziegen⸗ und Rindvieh beaufſichtigenden Hirten(die er V. 27


