Aufsatz 
Textberichtigungen zur Antigone des Sophokles / von Heinrich Feußner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

gängiges Bildungsgeſetz den ganzen Gedankenbau des Werks bis in ſein feinſtes Gliedergefüge form⸗ gebend bedingt und beſtimmt; nund welche drittens die Erkenntniß, wie das durchgängige Sprach⸗ gepräge des Werks von beidem von des Verfaſſers Weltanſchauung und dem Inhalt ſeines Werks aus in ſeiner ganzen Eigenthümlichkeit nach Wortwahl und Satzbildung ſich geſtaltet; eine ſolche Auffaſſung des alten Schriftwerks, welche dieſes Alles, wie es in Wirklichkeit innig mit einander verſchmolzen iſt, zu einem Geſammtbegriff vereint in klarer Anſchauung ſtets gegenwärtig hat, ſie iſt für den Kritiker der ſichere Maßſtab, nach dem er zu bemeſſen hat, was dem Schriftwerk an jeder Stelle, ſowohl in dem gangbaren Text, als in dem kritiſchen Material gerecht iſt und was dies nicht iſt. Wer ohne dieſen ſtets auf das klar erfaßte Ganze und klar erfaßte Weſen eines Schriftwerks geſtützten Maßſtab an das kritiſche Material herantritt, der wird, weil die hier ent⸗ ſcheidenden Geſichtspunkte nicht in ihrer abgeſtuften Folge klar und vollſtändig vor ſeinem Bewußt⸗ ſein ſtehn, und gerade die höchſten und tiefſten ihm abgehn, dieſem Material gegenüber immer nur ein unſicher ſchwankendes Urtheil haben. Denn je nachdem im einzelnen gegebenen Fall der jedes⸗ mal vorliegende Stoff ihm in ſeinem mehr dem Zufall anheim gegebenen Gedankengang bald den einen bald den andern untergeordneten Geſichtspunkt in den Vordergrund drängt, wird ſein Urtheil unſtät ſeine Anhaltspunkte und Beſtimmungsgründe wechſeln, hier dies dort jenes ins Auge faſſen und nirgends nach feſtem Maßſtab meſſen. Daraus kann nur ein unwiſſenſchaftliches Verfahren hervor⸗ gehn, wo der Stoff mehr den Geiſt, als der Geiſt den Stoff beherrſcht; und dovor hat unſere Zeit ſich am meiſten zu hüten.

Nach dem aus dem Vorſtehenden ſeinen Grundzügen nach ſich ergebenden kritiſchen Verfahren ſind die Textesberichtigungen zur Antigone, welcher der Verfaſſer hier der Prüfung der Fachgenoſſen unterwirft, entſtanden. Genialer Blick, divinatoriſches Vermögen haben bei ihnen nicht mitgewirkt: denn der Verfaſſer muß bekennen, daß er dieſe Gaben nicht beſitzt. Auch was ihnen an Beleſenheit und paläographiſcher Schriftkunde zu Statten gekommen iſt, beſchränkt ſich auf ein beſcheidenes Maaß. Sollte ſich aber, worüber das prüfende Urtheil Anderer entſcheiden muß, vielleicht gleichwohl finden, daß ſie manches Gute enthielten, daß ſie an Stellen, wo bisher Männer von weit größerem Talent und Wiſſen rathlos geblieben ſind, befriedigende Abhülfe verſchafften, ſo würde das dafür ſprechen, daß die vom Verfaſſer dargelegte Anſicht vom Weſen der philologiſchen Kritik die richtigere ſei, und daß das daraus naturgemäß ſich ergebende kritiſche Verfahren, weil es auf ein in ſeiner Bethätigungs⸗ weiſe klar beſtimmbares Geiſtesvermögen, die menſchliche Denk⸗Erkenntniß⸗ und Urtheilskraft, ſich ſtützt, und überall nach klaren Geſichtspunkten in folgerechtem Gange vorſchreitet, weiter führe und mehr erreichen laſſe, als einerſeits ein Verfahren, das ein nach ſeiner Aeußerungsweiſe nicht klar erfaßbares und darum auch in ſeiner Anwendung nicht nach klaren Geſichtspunkten zu regelndes Geiſtesvermögen höherer Art zum Ausgangspunkt nimmt, und andererſeits, ein Verfahren, das mehr mit ſtofflichen Hülfsmitteln und gelehrten Kenntniſſen, als mit der Kraft des ſtreng wiſſenſchaftlich thätigen Geiſtes zu leiſten meint. Auf dieſen Punkt die Aufmerkſamkeit hinzulenken, dazu möͤchte der Verfaſſer im Intereſſe der Wiſſenſchaft das Seine beitragen: darum hat er ſich offen nach beiden Seiten hin ausgeſprochen.