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Verkennung des wahren Sachverhalts und muß ſchließlich zu geiſtloſem Buchſtabendienſt führen. Gewiß iſt das ſchriftlich überlieferte Material jeder Art dem Kritiker von hohem Werth und verdient gewiſſenhaft geſammelt, nach Abſtammung und Verwandtſchaft geprüft und geordnet und auf's ſorg⸗ ſamſte ausgenutzt zu werden; aber daran fehlt viel, daß dieſes Material, auch wenn es mit aller paläographiſchen und antiquariſchen Kunde behandelt wird, zu einer vollſtändigen Herſtellung alter Schriftwerke ausreiche und ſeiner Natur nach ſchon darum, weil es urkundlich überliefert iſt, ſie auf einen ſichereren Boden ſtelle. Denn wie oft läßt es in den wichtigſten Fällen, wo Hülfe Noth thut, ſchon durch ſeine Mangelhaftigkeit oder ſein gänzliches Schweigen im Stich, und wenn es auch reichlich vorhanden iſt, ſo gibt es doch darum nirgends ſicheren Verlaß an ſich. Alle Vervielfältigung durch die Schrift unterliegt den mannigfaltigſten Verſehen und Entſtellungen: an ihnen leiden auch die beſten und die älteſten Handſchriften. Lehrt doch die Erfahrung bei unſern eignen deutſchen geleſenſten Klaſſikern, wie oft ſchon unter den Augen ihrer Verfaſſer ganz ſinnentſtellende Fehler in ihre Ausgaben ſich eingeſchlichen und dauernd fortgepflanzt haben; wie viel mehr mußte dies bei den Alten der Fall ſein, wo mit jeder einzelnen Abſchrift ſich die Möglichkeit zu Irrthum und Ent⸗ ſtellung wiederholte. Und man darf ja nur wenig mit handſchriftlich Ueberliefertem bekannt ſein, um zu wiſſen, wie überall die Eigenthümlichkeiten, Angewöhnungen, Verſehen, Mißverſtändniſſe, vermeintliche Beſſerungen und leider auch oft willkürliche und abſichtliche Entſtellungen der Abſchreiber ſich einmiſchen. Darum iſt der Buchſtaben der Ueberlieferung als ſolcher nirgends eine ſicherſtellende Auktorität; der Kritiker darf auf ihn kein allzu großes Vertrauen ſetzen, überall muß er prüfen und iſt damit über ſein kritiſches Material hinaus an ſich ſelbſt, an ſeinen eigenen Geiſt verwieſen. In dieſem alſo, dem beſonnen prüfenden, erkennenden und urtheilenden Geiſt liegt, wie in aller Wiſſenſchaft, ſo auch in der philoldgiſchen Kritik der Schwer⸗ und Angelpunkt, von welchem Alles höchſten Orts abhängt. Er liegt nicht in einem beſonderen höheren divinatoriſchen Geiſtesvermögen, aber auch nicht in dem unſicheren und erſt des prüfenden Maßſtabs bedürfenden kritiſchen Material, und nicht in den mancherlei erlernten Hülfskenntniſſen, die, ſo weſentlich ſie auch ſind, doch dem Kritiker das nicht geben, wonach er alles bemeſſen muß. Die nach allen ihren Verrichtungen klare menſchliche Denk⸗ Erkenntniß⸗ und Urtheilskraft, welche von einem wiſſenſchaftlich gehörig erweiterten und aufgehellten Geſichtskreis getragen das Weſen ihres Gegenſtandes in ſeinem vollen Umfang erfaßt und nach den in dieſem liegenden deutlich erkannten Geſichtspunkten folgerecht prüfend, ab⸗ wägend und urtheilend vorgeht, ſie muß dem Kritiker, wie alles Andere, ſo auch erſt dasjenige geben, was für die Werthbeſtimmung ſeines kritiſchen Materials den nothwendig vorauszuſetzenden Prüfungsmaßſtab abgibt. Dieſes aber iſt eine nicht am Einzelnen haftende, unklar zerfahrene, ſondern eine aus einem das Ganze umfaſſenden und alles im einheitlichen Verband des Ganzen überſchauenden Geſichtspunkt hervorgehende wiſſenſchaftliche Auffaſſung des alten Schriftwerks. Eine ſolche durch das Ganze hingreifende Auffaſſung des alten Schriftwerks, welche erſtens die Erkenntniß, wie ſeines Verfaſſers Welt⸗ und Lebensanſchanung mit dem ganzen Gedankenkreis, den ſie einſchließt, ſich auf Grund der ihn umgebenden Welt nach Inhalt und Umfang eigenthümlich gebildet hat; welche zweitens die Erkenntniß, wie die Idee oder der geſtaltende Grundgedanke des Schriftwerks aus dieſer Weltanſchauung hervorgeht und in Uebereinſtimmung mit bhr als durch⸗


