—8—
keit und dem Verhältniß, worin dieſe zur wirklichen Welt ſteht. Nichts Anderes, als philoſophiſch in ſeine eigne Werkſtätte eingeführtes wiſſenſchaftliches Denken iſt es, welches befähigt, das Zweite was hier Noth thut, zur Behandlung jener Werke mitzubringen, nämlich die von der angegebenen Natur ihres Inhalts geſorderte Keuntniß des ganzen Umfangs menſchlicher Begriffs⸗ und Gedanken⸗ verknüpfung und der Geſetze, die formgebend in den einzelnen Verknüpfungsarten walten. Nichts Anderes endlich, als wiſſenſchaftliches Denken mit geſchichtlich und philoſophiſch erweitertem Geſichts⸗ kreis iſt es, welches den Kritiker einführt in den für das menſchliche Denken maßgebenden geſetzlichen Verband, worin die Dinge und Vorgänge der wirklichen Welt zu einander liegen und namentlich in der Welt, die den alten Schriftſteller umgab, zu einander lagen; wonach der Kritiker zu ermeſſen hat, wie ſich die Verknüpfung der Begriffe und Gedanken in der Seele des alten Schriftſtellers im einzelnen Fall nach ſeiner individuellen Weltauffaſſung geſtalten mußte. Zu allem dieſem und was ſonſt hier noch in Betracht kommen kaun, gehört kein beſonderes höheres Vermögen; alles iſt mit dem Erkenntnißſchatz und den folgerechten Benihwmgan eines wiſſenſchaftlich zeliideten Denkens zu leiſten.
Das bisher Geſagte war gegen die Le des Verfaſſers Dafürhalten irrige Anſicht gerichttt, daß die Aufgaben der Konjektural⸗ und überhaupt der höheren Kritik ein eigens von der Natur gegebenes höheres Geiſtesvermögen erforderten, alſo ihrem beſten Theile nach nicht von demjenigen Grundvermögen des menſchlichen Geiſtes, welches ſonſt alle wiſſenſchaftlichen Leiſtungen zu voll⸗ bringen hat, von der menſchlichen Denk⸗ Erkenntniß⸗ und Urtheilskraft, gelöſt werden könnten. Gegen dieſe der Sache ſelbſt ſchädliche Anſicht, die wohl hauptſächlich auch die Schuld trägt, daß die philologiſche Kritik ſich nicht zu einer auf klare Geſichtspunkte und ſicher leitende Grundſätze geſtützten, bündig in ſich abgeſchloſſenen Wiſſenſchaft ausgebildet hat, wollte der Verfaſſer ſich er⸗ klären; nicht gegen die Berechtigung der höheren Kritik ſelbſt und ihren unverkennbaren Werth. Denn ihr, die beſonders in den letzten zwei Jahrhunderten durch eine Reihe der glänzendſten Namen ver⸗ treten geweſen iſt, verdankt die Wiſſenſchaft der Philologie die weſentlichſten Erfolge, welche auf ihrem Felde errungen worden ſind. Doch läßt ſich auch nicht leugnen, daß manche ihrer Vertreter, von dem der Eitelkeit ſchmeichelnden Glauben verleitet, daß hier ein Feld ſei, wo ein angebornes höheres ingenium ſeine Rechte geltend zu machen und den Glanz ſeiner Schätze zu entfalten habe, durch oft gewaltſame Willkür und übertriebenes Jagen nach genialen Einfällen und Aendexungsvor⸗ ſchlägen ohne beſonnene Prüfung ſich an den alten Schriftſtellern oft hart vergangen und der guten Sache geſchadet haben. Wundern kann es daher nicht, daß im Hinblick auf dieſe Ausſchreitungen, beſonders in den letzten drei Jahrzehnten, wo überhaupt ein großer Theil der Zeitgenoſſen vor den Folgen des frei ſich ſelbſt vertrauenden Geiſtes der Wiſſenſchaft kleinmüthig zu erſchrecken begann, auch auf dem Felde der Philologie öfters Stimmen laut geworden ſind, welche der. Konjektural⸗ kritik ſich abhold gezeigt und alles Verdienſt in derjenigen Art von Kritik geſucht haben, welche durch Vergleichung, Sichtung und ſorgſame Ausnutzung der Handſchriften und alles urkundlich über⸗ lieferten Materials die allein ſicheren Hülfsmittel zur Berichtigung der alten Schriftwerke zu ge⸗ winnen glaubt und zu derjenigen Berichtigung, die ein von dieſem Material nnabhängiges Ergebniß des frei prüfenden und abwägenden Geiſtes iſt, kein Vertrauen hat. Auch das iſt eine einſeitige


