— 7—
2) die immer klar gegenwärtige Erkenntniß, daß, weil das menſchliche Denken zum Inhalt die Dinge und Vorgänge der wirklichen Welt hat und von ihnen nur das geiſtige Nachbild iſt, aller geſetzlich folgerechte Gang und Fortſchritt deſſelben gebunden iſt an die Ordnung und Reihen⸗ folge, in denen die Dinge und Vorgänge der wirklichen Welt in mannigfachen Richtungen unter einander verknüpft ſind, alſo die innere Ordnung und Geſetzlichkeit des Denkens zuſammenfällt mit der äußeren Ordnung und Geſetzlichkeit der den Menſchen in Natur und Menſchenleben umgebenden Welt, ſoweit ſie vom Menſchen erkannt iſt: daß mithin derjenige, welcher durch Ge⸗ ſchichts⸗ und Alterthumsſtudien hinreichende Kenntniß hat, wie in der Welt, die einen alten Schrift⸗ ſteller umgab, die Dinge geordnet und beſchaffen waren, und wie ſie von den Menſchen jener Zeit und dem Schriftſteller ſelbſt nach ihrer Weltanſchauung aufgefaßt wurden, hierin einen zweiten in den meiſten Fällen ſicher leitenden Maßſtab hat, wie des Schriftſtellers Begriffs⸗ und Gedankenverknüpfung von einem beſtimmten Geſichtspunkt aus im einzelnen Fall geweſen ſein müſſe.
Wer mit dieſen beiden gegenſeitig ſich ergänzenden Erforderniſſen, die als innerer und als äußerer Prüfungs⸗ und Beurtheilungsmaßſtab eng zu einander gehören, als Kritiker mit aller Strenge an ſeine Aufgabe geht, der wird zunächſt nach ihrer begrifflichen Seite hin dieſe Aufgabe zu löſen im Stande ſein. Denn wie jener berühmte Naturforſcher aus wenigen einem bis dahin unbekannten vorweltlichen Thiere angehörigen foſſilen Knochen, deren Geſtalt ihm das durchgehende Bildungsgeſetz andeutete, den ganzen Knochenbau des Thieres genau, wie ihn ſpätere Funde be⸗ ſtätigten, im Geiſt zu entwerfen und zu beſchreiben vermochte, ſo wird auch der auf dem bezeichneten Wege vorgehende Kritiker in einer zerrütteten Begriffs⸗ oder Gedankenreihe aus den unverſehrt er⸗ haltenen voran⸗ und nachſtehenden Gliedern, wenn er die in ihnen und ſonſt im Werke vorhandenen Anhaltspunkte zur Erkennung des durchgehenden Gliederungsgeſetzes ſcharf auffaßt und feſthält, das oder die entweder ganz fehlenden oder ins Fehlerhafte entſtellten Mittelglieder in ihrer Eigenſchaft als Begriffe herzuſtellen im Stande ſein. Sind aber die Begriffe gefunden, ſo braucht nur die hinſichtlich des Wortvorraths und der grammatiſchen Fügung ausreichende Kenntniß der alten Sprache ſowohl nach ihrem geſammten Umfang, als in beſonderer Rückſicht auf Zeitalter, Literaturfach und Eigenart des Schriftſtellers vorhanden zu ſein, und es wird, wenn auch hier in ſtrengem Anhalt an die in den erhaltenen unverdächtigen Sprachgliedern gegebenen Merkmale der durchgehenden ſprachlichen Geſtaltung auf das Zwiſchenliegende geſchloſſen wird, der für den erforderlichen Begriff oder Ge⸗ danken gehörende ſprachliche Ausdruck, von einzelnen Fällen abgeſehen, mit befriedigender Sicherheit ſich finden, am ſicherſten in dichteriſchen Werken, wo ſeine Wortgeſtalt ſchon durch die metriſche Form mit feſten Gränzen umzogen und die Wahl auf weniges Mögliche beſchränkt wird.
Alle dieſe Leiſtungen aber, welche die philologiſche Kritik auch hier, wo ſie als Konjektural⸗ kritik auftritt, zu vollbringen hat, ſind offenbar nur Leiſtungen eines von den nöthigen Sprach⸗ und Sachkenntniſſen unterſtützten wiſſenſchaftlich gebildeten Denkens. Denn nichts Anderes, als ein wiſſenſchaftlich aufgehelltes und vertieftes Denken iſt es, welches hier die erſte Anforderung erfüllt, den Behandlungsgegenſtand der philologiſchen Kritik, die alten Schriftwerke, klar als das, was ſie ihrem Weſen nach ſind, aufzufaſſen, als Werke menſchlicher Begriffs⸗ und Gedankenverknüpfung, in denen Alles ſich beſtimmt und bemißt nach der dem menſchlichen Denken innwohnenden Geſetzlich⸗


