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klaſſiſchen Alterthums, alſo ein aus Begriffen und Gedanken gefügtes Geiſteswerk nach Plan und Anlage im Ganzen und Einzelnen bis in die innerſten Zufammenhünge ſeines Baues begreifend aufzufaſſen und danach mit ſicherem Urtheil:
1) ſeinen Werth und Gehalt nach Inhalt und Form zu beſtimmen,
2) ſeine durchgängige oder theilweiſe Aechtheit oder Unächtheit, d. h. Entſtehung oder Nicht⸗ entſtehung durch den Verfaſſer oder in der Zeit, welchem oder welcher es zugeſchrieben wird, aus zuverläſſigen Merkmalen zu erkennen und nachzuweiſen,
3) die ihm anhaftenden Textesſchäden jeder Art als ſolche zu erkennen und die urſprüngliche Textesgeſtalt, ſei's mit Hülfe urkundlichen Materials, ſei's durch freien Geiſtesfund wieder herzuſtellen.
Alles dieſes ſind Aufgaben, zu deren Löſung vor Allem die Verrichtungen eines geſunden, wiſſenſchaftlich gebildeten und in klaren Begriffen logiſch folgerecht ſich bewegenden Denkens gehören und, wenn nur ihrer Anwendnng der erforderliche, durch Sachkenntniſſe jeder Art wiſſenſchaftlich gehörig erweiterte Geſichtskreis zu Gebote ſteht, auch völlig ausreichen. Von den erſtgenannten Auf⸗ gaben, denk' ich, wird man dies ohne Weiteres zugeben: denn die Auffaſſung eines Schriftwerks im Ganzen nach Anlage und Gliederung, ſeine Würdigung nach Gehalt und Werth, ſeine Prüfung nach Aechtheit und Unächtheit, ſind Leiſtungen, die ebenſo in andern wiſſenſchaftlichen Fächern, wie Aeſthetik, Geſchichtsforſchung u. a. vollbracht werden, ohne daß man da eine eigene höhere Natur⸗ gabe dazu beanſprucht. Nur die letztgenannte, die Herſtellung ſinnſtörend verderbter Texte alter Schriftſteller, mit Rückſicht auf welche wohl hauptſächlich das beſondere kritiſche ingenium noth⸗ wendig erſchien, dürfte Bedenken machen. Wird auch da, zumal wenn es gilt, ohne ausreichend überliefertes handſchriftliches Material aus eigenem Geiſte arg entſtellte Texte in urſprünglicher Un⸗ verſehrtheit herzuſtellen, ohne jenen genialen Blick und jenes höhere divinatoriſche Vermögen aus⸗ zulangen ſein? Wenn ich die Sache richtig anſehe, muß ich auch das bejahen. Denn worin beſteht auch hier weſentlich die vom Kritiker zu löſende Aufgabe? Es ſind immer nur durch unglückliche Zufälle und Anläſſe ins Fehlerhafte entſtellte Begriffs⸗ und Gedankenreihen, deren Glieder entweder aus ihren richtigen Fugen ins Schiefe verrückt, oder ſtörend, ſei's durch Ausfall, ſei's durch fremd⸗ artigen Zuſatz in ihrer richtigen Folge unterbrochen, oder in welcher Weiſe immer mit Denkgeſetz und richtiger Sachordnung in Widerſpruch gekommen ſind, welche der Kritiker als ſolche zu erkennen und je nach dem eingetretenen Schaden bald einrenkend, bald ergänzend, bald von Ungehörigem reinigend wieder mit der richtigen Gedanken⸗ und Sachfolge in Einklang zu ſetzen hat, getreu wie ſie aus der Hand des Verfaſſers hervorgingen. Was iſt dazu als Rüſtzeug dem Krititer von Nöthen?
Da es ſich um Herſtellung zerrütteter Begriffs⸗ und Gedankenreihen handelt, offenbar vor Allem
1) eine ausreichende wiſſenſchaftliche Einſicht in den geſammten geſetzlich geordneten Haushalt des menſchlichen Denkens, welche ihn namentlich den Kreis aller möglichen Verknüpfungsweiſen und Verknüpfungsformen, in welchen das menſchliche Denken ſeine Begriffe und Gedanken an ein⸗ ander reiht, nicht blos vollſtändig überſchauen, ſondern auch in jeder Reihe und Gruppe verbun⸗ dener Begriffe aus der Geſtalt einzelner gegebener Glieder das durchlaufende Gliederungsgeſetz der Reihe und die Zahl und Beſchaffenheit der von dieſem geforderten Glieder ſicher erkennen läßt. Sodann


