Aufsatz 
Textberichtigungen zur Antigone des Sophokles / von Heinrich Feußner
Entstehung
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deſſen an tieferer Auffaſſung und glücklicher Herſtellung der alten Schriftwerke noch keiſte, was dem erſteren Verfahren nicht möglich ſei, höhere Kritik oder in etwas beſchränkterem Sinn Konjektu⸗ ralkritik genannt. Hierin ſpricht ſich alſo die Anſicht aus, daß die philologiſche Kritik in ihrer voll⸗ kommnen Ausübung, wo ſie ihre beſten Leiſtungen als höhere Kritik vollbringe, nothwendig eine beſondere höhere, nur bevorzugten Naturen verliehene Begabung erfordere, in deren Wirken und Walten der weſentlichſte Theil der kritiſchen Thätigkeit beſtehe. Die Mehrzahl der bedeutenden Philologen ſeit Bentley hat dieſer Anſicht ſich zugeneigt und ſordert deshalb als Grundeigenſchaft, die den Kritiker mache, ein ſolches ausnahmweiſes Geiſtesvermögen, nach Bentley's Ausdruck eine gewiſſe sagacitas et àeνφιαα quae nulla laborandi pertinacia vitaeve longinquitate acquiri possunt, sed naturae solius munere nascendique felicitate contingunt, oder nach Fr. A. Wolf eine von der Natur gegebene Art höherer Divinationsgabe, oder nach Fr. Creuzer einen in rein vrpduktipem und kombinatoriſchem Schaffen ſich bewährenden genialen Blick des betrachtenden Geiſtes.

Gegen dieſe Forderungen einer beſonderen genialen oder divinatoriſchen Begabung des Kritikers, unter der wir, wenn ihre eigentliche Natur auch nur ſchwankend bezeichnet und pſychologiſch nicht näher beſtimmt wird, doch wohl jedenfalls ein unmittelbar aus eigenem Innern ſchöpfendes, an geiſtvollen Eingebungen und treffenden Lichtblicken fruchtbares Vermögen denken ſollen, habe ich einige Bedenken. Denn ſo gern ich auch eine derartige höhere Begabung als ein für den Kritiker, der damit beglückt iſt, ſehr werthvolles Naturgeſchenk anerkenne, ſo muß ich doch nach gründlicher Erwägung glauben, daß, wenn man von ihr in oberſter Stelle die Löſung der Aufgaben der philo⸗ logiſchen Kritik abhängig denkt, man damit den wahren Sachverhalt verkennt und Aufgaben, die allein ſicher und erſolgreich mit einem ſtreng beſonnenen, umſichtigen und folgerechten Prüfen und Erkennen zu löſen ſind, zum Nachtheil der Sache einem nicht nach feſten Regeln gelenkten Vermögen genialer Eingebungen zuweiſt. Gewiß wird geniale Begabung den Kritiker bei ſeinem Geſchäfte fördern, ſo lange ſie derjenigen Geiſteskraft, welcher in Wahrheit hier die Hauptleiſtung und Ent⸗ ſcheidung zukommt, nur unterſtützend zur Seite geht und in dieſer ihre Leiterin und Geſetzgeberin anerkennt; wird ſie aber dieſer Leitung enthoben, und der Anſicht gehuldigt, daß ſie kraft natürlichen Vorrechts als erſte am Platz hier zu ſchaffen und zu walten berufen ſei, ſo wird das mit Gefahr und Nachtheil verknüpft ſein. Mit Gefahr, weil ſolche Meinung, wie die Erſahrung lehrt, oft zu genialer Willkür und einem unbeherrſchten Hang nach geiſtreichen Einfällen verleitet, wo nur die beſonnenſte Prüfung herrſchen ſoll: mit Nachtheil, weil ſie dem Kritiker den wahren Weg, ſeine Aufgabe zu löſen, ſowie die Geiſteskraft, die mit ihrem klar bemußten geſetzlich geregelten Gang zum Ziele für dieſen Weg gehört, aus den Augen rückt und ihn dadurch in vielen Fällen um den erſtreb⸗ ten Erfolg bringt.

Welche Geiſteskraft nun das ſei, die vorzugsweiſe zur kritiſchen Thätigkeit gehöre, muß ſich aus der Natur der zu löſenden Aufgabe ergeben. Betrachten mir daher dieſe etwas genauer. Die philologiſche Kritik hat nicht Kunſtwerke zu ſchaffen; ſie iſt nicht eine eigentliche Kunſt, die als ſolche eine eigens für ſie gehörige geniale Anlage verlangte. Sie iſt Kunſt nur in dem allgemeinern Wortſinn, wenn man darnnter eine geiſtige Leiſtungsfähigkeit verſteht, und ihre Leiſtung iſt vor⸗ waltend wiſſenſchaftlicher und begriffsmäßiger Art. Denn ſie iſt die Kunſt ein Schriftwerk des