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Entſchluß zur Reife, einmal dreiſt, gleichviel, was dabei herauskomme, den Verſuch zu wagen, ob und wie weit es der eigenen Kraft möglich ſei, ſich über dieſen unbehaglichen Zuſtand hinauszuhelfen. Irgend Erfolg ſchien nur zu hoffen, wenn dabei ein wohlbedachtes und aufs ſtrengſte durchgeführtes kritiſches Verfahren, unabhängig von fremder Auktorität, angewandt und beharrlich an dem Grund⸗ ſatz feſt gehalten werde, auch die verzweifeltſten Stellen nicht aufzugeben, bis für ſie, wenn irgend möglich, befriedigende Herſtellung gewonnen ſei.
In Ausführung dieſes Entſchluſſes bei der Mehrzahl der Sophokleiſchen Stücke ſind die Beſſerungsyerſuche eutſtanden, von denen ich gegenwäxfig⸗ won ich grpöthigt bin, fün das Programm etwas Wiſſenſchaftliches zu liefern, die zur Antigone gehörigen zu veröffentlichen mich entſchließe.
Hoffentlich werden ſie, wenn auch nicht auf Verſſantichung bercchärt doch der Veröffentlichung nicht unwerth ſein. 121 à
Es bleibt mir nun noch über den zweiten Punkt, nämlich von welchen Grundſätzen des kritiſchen Verfahrens ich mich habe leiten laſſen, Einiges zu ſagen. Natürlich müſſen ſich für die philologiſche Kritik, die ich hier nur als Kunſt verſtehe, die Schriftwerke des klaſſiſchen Alterthums von den mannigfachen Schäden und Entſtellungen ihres Textes gereinigt in urſprünglicher Geſtalt wieder herzuſtellen, die Grundſätze ihres Verfahrens etwas verſchieden geſtalten, je nachdem Begriff und Weſen dieſer Wiſſenſchaft aufgefaßt wird. Nun⸗ aber iſt man, ſo ſcheint es, über die eigentliche Natur der kritiſchen Thätigkeit ſelbſt nud darüber, was für ein Geiſtesvermögen in erſter Stelle ſie zu vollbringen und ihre Aufgaben zu löſen habe, ſowie ob der Haupttheil an der Löſung der eignen Leiſtungskraft dieſes Vermögens oder ob er den in Auwendung kommenden Hülfsmitteln beizumeſſen ſei, noch nicht zu rechter Klarheit gelangt, und es ſcheiden ſich deshalb die gelehrten Pfleger des Faches ſowohl nach ihrer theoretiſchen Auffaſſung als nach ihrem praktiſchen Verfahren in zwei Richtungen: die einen legen den Schwerpunkt und das ausſchlaggebende Gewicht auf die Seite des kritiſchen Materials und der gelehrten Hülfskenutuiſſe, die andern auf die Seite eines dem Kritiker von der Natur verliehenen beſonderen Geiſtesvermögens. Im Verhältniß zu jeder dieſer Richtungen werde ich daher meinen Standpunkt etwas näher zu bezeichnen haben.
„Beſonders ſeit Bentley den Anſtoß dazu gegeben hat, iſt man beſtrebt geweſen, den Be⸗ griff der philologiſchen Kritik ſchärfer und höher zu faſſen und hat ſeitdem augefangen, im Hinblick auf die vorliegende Erfahrung beſtimmter zwei Arten philologiſcher Kritik zu unterſcheiden. Man hat nämlich dasjenige kritiſche Verfahren, welches hauptſächlich auf ein aus Handſchriften und ſonſtiger Ueberlieferung ſorgfältig geſammeltes und geſichtetes kritiſches Material und auf eine möglichſt ausgebreitete Summe von gelehrten ſprachlichen und ſachlichen Hülfskenntniſſen ſich ſtütze, und außer dieſen Mitteln nur geſundes Gefühl, Verſtand und Urtheil zur Löſung ſeiner Aufgabe verwende, als niedere, oder wie manche lieber wollen, als beurkundende Kritik bezeichnet: dagegen diejenige Ausübung der philologiſchen Kritik, welche neben nicht minder ſorgſamer Ausbeutung des kritiſchen Materials und neben einem nicht geringeren Maaß von gelehrten Sprach⸗ und Sach⸗ tenutniſſen des Alterthums zu ihrer Aufgabe auch noch durchgängig und namentlich da, wo die ge⸗ nannten Hülfsmittel im Stich laſſen, außer geſundem Verſtand und Urtheil ein eigens angebornes höheres, in einer gewiſſen genialen Weiſe ſich bethätigendes Geiſtesvermögen mitbringe, und vermöge


