Textesberichtigungen zur Antigone des Sophokles
von
Dr. H. Feußner.
Vorwort.
Indem ich dem wiſſenſchaftlichen Theil des diesjährigen Programms unſeres Gymnaſiums, mit deſſen Abfaſſung ich beauftragt bin, Textesberichtigungen zur Antigone des Sophokles zum Inhalt gebe, glaube ich, einige einleitende Worte vorausſchicken zu müſſen, welche dem Leſer Auf⸗ ſchluß geben, einmal über Anlaß und Abſicht, welche den Verfaſſer zu dieſen kritiſchen Verſuchen geführt haben, und zweitens über die Grundſätze des kritiſchen Verfahrens, von denen er dabei ſich hat leiten laſſen. Was zunächſt den erſten dieſer beiden Punkte, den Anlaß zu dieſen Verſuchen, betrifft, ſo hat von vornherein durchaus nicht die Abſicht ſpäterer Veröffentlichung bei denſelben obgewaltet, ſondern ſie ſollten lediglich einem eignen dringend gefühlten Bedürfniß abhelfen. Der Verfaſſer hat in einer langjährigen Lehrerwirkſamkeit häufig mit den Schülern der Prima im Wechſel mit andern Schriftſtellern auch die Tragödien des Sophokles zu leſen und zu erklären gehabt und ſich dabei durch die noch immer zahlreichen verderbten Textesſtellen und die ſchwankenden und ſich widerſtreitenden Anſichten der gelehrten Herausgeber über ſie in dem ſicheren Gang der Lektüre und Erklärung, wie in dem durchgängig ungetrübten Genuß dieſer herrlichen Dichtwerke oft recht unangenehm gehemmt gefühlt. Geraume Zeit hat er dies, wie gewiß die große Mehrzahl ſeiner Berufsgenoſſen, als eine nun einmal nicht zu ändernde läſtige Dreingabe angeſchen, die man mit Ergebung hinzunehmen und für die man erleichternde Abhilfe, ſo weit die überhaupt zu hoffen ſei, allein von den großen Meiſtern der philologiſchen Wiſſenſchaft zu erwarten habe. Doch das Gefühl der Mißbefriedigung, an ſo manchen Stellen dieſer Dichtwerke für Auffaſſung und Erklärung der ſicheren Grundlage zu entbehren, kehrte beim Verfaſſer bei jeder erneuten Leſung verſtärkt zurück und brachte endlich in einer Stunde der Ungeduld den wohl unbemerkt näher getretenen


