Aufsatz 
Festschrift zum 200jährigen Jubiläum des Realgymnasiums zu Landeshut
Entstehung
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auf, am Tage waren nicht einmal die Türen verſchloſſen, und niemandem wurde der Zutritt zum König verwehrt, und wer unter der bekannten Bittſchriftenlinde vor dem Potsdamer Stadtſchloß ſeinen Brief hochhielt, war deſſen Abnahme ſicher.) Vollends auf ſeinen Dienſtreiſen fanden die Suppli⸗ kanten immer Gehör. Als der Bürgermeiſter Neefe von Haynau 1774 einen Schmied von der Überreichung einer Bitt⸗ ſchrift abgehalten hatte, ſagte der König:Tue er das nicht, ich komme ſelten ins Land, und kann jedermann ſeine Notdurft bei mir antragen: hat er Recht, ſo will ich ihm geholfen wiſſen, hat er aber Unrecht, ſo wird es deshalb beſchieden,**) und eben die Gewißheit, dem König alles ſagen zu dürfen, gab dem Volke das unbedingte, geradezu rührende Vertrauen auf ſeine Gerechtigkeit. Oft nahm der hohe Herr die Bitt⸗ ſchriften dem Betreffenden perſönlich aus der Hand, wie jener alten Bauersfrau, die ein Offizier eben grob angefahren hatte Scher ſie ſich zum Teufel, alte Hexe! und die der König dann freundlich mitMütterchen anredete.***) Und obwohl häufig genug Mißbrauch mit ſeiner allbekannten Bereitwil⸗ ligkeit getrieben wurde vonmutwilligen Querulanten und Supplikanten, ſodaß die Juſtizbehörde einmal gegen einen ſolchen eine Freiheitsſtrafe beantragte, entſchied Friedrich: Es iſt meiner Geſinnung zuwider, dergleichen arme Bauers⸗ leute gleich ins Gefängnis werfen zu laſſen, und ob ſie ſchon öfters Unrecht haben, ſo kann ich ihnen doch als Landes⸗ vater das Gehör nicht verſagen.) Es iſt unglaublich, mit was für wunderlichen Angelegenheiten er beläſtigt wurde; daß er ſie ſelbſt eingeſehen, davon zeugen ſeine oft gerade zu klaſſiſch draſtiſchen Randbemerkungen. ††) Aber manchmal mag dem alten Herrn das Bittſchriftenweſen doch wohl un⸗

*) Koſer II 634.

**) Pfeifer a. a. O., 180. **ε*) Koſer I 393.

) ebenda 394.

††) Preuß. Urkunden⸗Buch z. Geſch. Friedr. d. Gr., II an verſchie⸗ denen Stellen, z. B. 223, 225, 227. Eine der beſten iſt wohl der von Koſer1 394 mitgeteilte Beſcheid auf das Geſuch eines israelitiſchen Schutz⸗ bürgers, dem ſeine Glaubensgenoſſen auf Grund ritueller Vorſchriften die Beſeitigung ſeines Vollbarts verwehren wollten:Der Jude Poſener ſoll mich und ſeinen Bart ungeſchoren laſſen.

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