Aufsatz 
Festschrift des Großherzogl. Gymnasiums in Karlsruhe zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im September 1906
Entstehung
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Rede merken läßt, wie unmittelbar die sich darin äußernde Überzeugung aus seiner eigenen Seele fließt. Aber eben dadurch ergreifen uns die Worte, die Posa zu Philipp spricht, oder der Abschied, den in Wallenstein Max von seiner Braut nimmt, aufs allerımächtigste und zeigen gerade die Weihe seiner Kunst in ihrer höchsten Kraft. Und das bitterste Unrecht täte ihm, wer den heiligen Ernst in diesen allerdings bisweilen mit bestechender Rhetorik hervorbrechenden Gemütsergüssen verkennen und leere Phrasen nennen wollte, was, aus Schillers tiefster Seele quillt. Um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit, handelt es sich in allen seinen Dramen. Denn das gehört ja auch zu der eigenartigen Entwickelung, die dem letzten Jahrzehnt seines künstlerischen Schaffens vorangegangen war: Die Gesetze, welche alles geschichtliche Werden beherrschen, waren ihm in gründlichen historischen Studien aufgegangen, und bisher ist es noch"keinem Dichter so wie ihm gelungen, uns lebendig, in vergangene Zeiten und mannigfaltig geartete Nationalitäten zu versetzen, sei es, daß er uns in. das Lagerleben des 30 jährigen Krieges, in die Zeiten der englischen Elisabeth, nach Sizilien oder in den slavischen Osten im Demetrius-Fragment, oder unter die um ihre Freiheit kämpfendeu Schweizer führt. Und in diesen weitblickenden und die tiefsten Quellen der geschichtlichen Ereignisse erfassenden Anschauungen liegt denn auch diejenige Eigenart Schillers, vermöge deren er dann bald eine treflliche Ergänzung zu dem ihm bisher ziemlich fernstehenden ‚Goethe bildete. Daran hat uns jüngst die diesjährige Fichtefeier gemahnt. Sehr verschieden'war bei beiden der Ausgangspunkt der Wege gewesen, die nun zusammenliefen. Von der Geschichte und einer philosophischen Auffassung der Schönheit kam der jüngere, in einer sinnigen und zugleich andächtigen Beobachtung der Natur hatte Goethe bisher die tiefsten Anregungen zum poetischen Schaffen gefunden; aber in der Freude an dem. sich selbst das Gesetz gebenden Weben der Natur, vor allem aber auch in der. sittlichen Anschauung, daß das Beste und Edelste, was der Mensch hervorbringen kann, in herzlicher freier Neigung und inniger Liebe geboren sein muß, waren sie einig. Auch Goethe hat gesagt: die Tätigkeit ist's, was den Menschen glücklich macht, und auch er wußte, daß alles Streben in der Welt hinter den Idealen, die unserer Seele vorschweben müssen, zurückbleibt, und doch ruft er jedem Strebenden durch den Mund seines Faust zu:

Im Weiterschreiten find er Qual und Glück, Er unbefriedigt jeden Augenblick.

Aber auch an einen anderen Einklang in der Weltanschauung der beiden Freunde sei noch erinnert, daß sie nämlich beide von aller echten Kunst sich auch eine tiefsittliche Wirkung versprachen, und daß sie als den sichersten Weg, sich durch die Freude an der schönen Form von allen Fesseln niederen Sinnentriebes zu befreien, das Studium der antiken, namentlich der griechischen Literatur erkannten. Und was folgt nun aus dem allen? Zunächst, daß es jeder, der zu echtem Glücke gelangen will, niemals fehlen lassen darf an der Stetigkeit und an dem Ernste, ohne den alle menschlichen Bestrebungen Stückwerk bleiben. So zeigt sich auch hier, wie sehr Schiller in seinen Worten des Wahns das Rechte traf, wenn er vom wahren Glück sagt: es ist nicht draußen, da sucht es der Tor. Es ist in dir, du bringst es ewig hervor,

Möge denn solcher Sinn und Geist sich auch in Ihnen regen, nicht nur als flüchtige An- wandlung dieser immerhin einen wichtigen Wendepunkt Ihres Lebens bildenden Stunde, sondern