Aufsatz 
Festschrift des Großherzogl. Gymnasiums in Karlsruhe zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im September 1906
Entstehung
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I

In den Jugendjahren des Karlsschülers sehen wir zwar schon in mehr als einem Zuge seines Charakters die eigenartige Kraft seiner Phantasie hervorleuchten, die nachher einen der größten dramatischen Dichter aus ihm gemacht hat. Genährt aber wurde diese durch allerlei äußern Zwang, der des Jünglings angebornen Freiheitsdurst zu hellen Flammen auflodern ließ. So sucht er sich die großen Menschen unter den großen Ver- brechern und läßt uns deutlich die ganze Verbitterung fühlen, in der er seine Heimat verließ und sich unter schweren Kämpfen aller Art zu eigner Sicherheit und Freiheit durchringen mußte. Und was hat ihm dazu verholfen? Er hat es uns ja selbst gesagt in jenem Gedichte, das bald die Periode seiner geistigen Reife eröffnete es war der Freundschaft leise, zarte Hand, der Freundschaft mit dem trefllichen Manne, in dessen Haus er damals Zuflucht fand. Aber daneben nennt er noch eine zweite Segensmacht: die Beschäftigung, die nie ermattet, die langsam schafft, doch nie zerstört

Die zu dem Bau der Ewigkeiten

Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, Doch von der großen Schuld der Zeiten Minuten, Tage, Jahre streicht,

Und wahrlich, an weniger Menschen Lebenslauf hat sich die Kraft, welche geregelte, aber unablässig wirkende, niemals ermattende Tätigkeit einem Sterblichen gewähren kann, edler und wirksamer bewährt, als an Schiller. Schwer genug ward ihm die gewaltige Arbeit, die er damals auf seine Schultern lud. In stetem Ringen mit einer sehr ernsten Krankheit hat er sich die herrlichsten Werke abgewonnen, denen man doch wahr- lich die körperliche Schwäche nicht anmerkt, die er unablässig überwinden mußte. Fragen wir aber, aus welcher tieferen Quelle er jene uns aus allen seinen Dichtungen anwehende freudige Begeisterung und die unwiderstehliche Glut schöpfte, die noch heut, wie vor 100 Jahren, alle Hörer und Leser durchwärmt, so liegt auch hier die Antwort nahe genug. Nach wie vor war es echteste Freiheitsliebe, die das Herz des zum Manne Dichters erfüllte. Aber sie empfing nicht mehr ihre zündende Kraft allein oder über- wiegend von dem Zorne über die herrschende Unfreiheit und Unnatur, sondern sie war die Frucht eines in tiefster Seele wurzelnden Glaubens an. die erhabene Weihe des sitt- lichen Strebens, und dies wird genährt von dem freien Willen, der sich den edelsten und höchsten Gütern der Menschheit zugewandt hat. Darin wurzelt der feste Zusammenhang zwischen Schillers künstlerischem Schaffen und seiner festen Überzeugung, daß vor allem auch die Kunst es ist, welche läuternd und erziehend wie auf den einzelnen, so auch auf das ganze menschliche Geschlecht gewirkt hat und noch wirkt. Ist doch Schönheit nichts anderes als Freiheit in der Erscheinung, und darum treten die schönsten und edelsten Regungen der menschlichen Natur nimmer da zu Tage, wo in mühsamem widerstrebende Regungen erst unterdrückt werden müssen, sondern wo ein für allemal die eigene Neigung den höchsten Zielen, dem Guten und Wahren gewonnen ist. Gerade wo manche Beurteiler Schwächen des Dichters entdeckt zu haben glauben, liegen die wahren Wurzeln seiner Kraft, vermöge deren er unwiderstehlich jedes edlere Gemüt fortreißt. Richtig ist, daß der Poet, der sein ganzes Leben als Mann kämpfen mußte und als voll- kommener Mann von hinnen gegangen ist, sich besser auf die Darstellung männlicher als weiblicher Charaktere verstand; richtig auch, daß er uns deutlich am Schwung seiner