Rede zur Entlassung der Abiturienten
am 26. Juli 1905.
Ein mannigfach bewegtes Schuljahr haben wir heut’ abzuschließen. Sein Beginn brachte uns eine verhältnismäßig große Anzahl neuer Schüler. Auch im Lehrerkollegium trat durch Berufung mehrerer der früheren Amtsgenossen in andre Stellungen ein sehr fühlbarer Wechsel ein. Wir mußten die Zahl unserer Klassen vermehren und die Stetigkeit des Unterrichts wurde wiederholt dadurch unterbrochen, daß Erkrankungen, teilweise sehr ernster Art, viel Vertretungen nötig machten. Die Veranlassung aber, welche am heutigen Tage noch zu einer öffentlichen Feier drängte, ist erfreulicher Art: 45 Jünglinge sollen jetzt das Zeugnis ihrer Reife erhalten, und wenn auch deren Wortlaut ebenso verschieden ist, als ihre Begabung und die Wahl ihres künftigen Lebenslaufs, so ist denn doch ein Ergebnis erreicht, das von ihnen ganz gewiß längst ersehnt wurde und uns Lehrern die Hoffnung weckt, es sei auch im abgelaufenen Schuljahr unsere Arbeit keine vergebliche gewesen, Überblicken wir aber die Ereignisse, welche gerade im letzten Jahre besonders hervortraten und worin zugleich der innere Zusammenhang vor unsre Seele trat zwischen den wichtigsten eigent- lichen Aufgaben aller geistigen Bildung und dem, was den höchsten und zugleich wohl höchstberechtigten Stolz unsers Volks und Vaterlands ausmacht— so fällt unser Blick vor allem auf die Schillerfeier. Es war dies ein wirkliches Nationalfest im alleredelsten Sinne und schwerlich täuscht uns die Zuversicht, daß in vielen Tausenden dadurch die Begeisterung für die höchsten Ziele alles menschlichen Strebens neu entflammt und bei so manchem zu einer dauernden Lebensmacht wird. Für uns aber gewann durch die Huld unsers Großherzogs die allgemeine Festfeier noch eine ganz besondre Bedeutung, die uns allen, gewiß auch Ihnen, in dankbarer Erinnerung bleiben wird. Damals hat einer aus Ihrer‘Mitte darzustellen gesucht, was Ihnen bis jetzt Schiller bedeutet hat. Lassen Sie mich heute noch mit einigen Worten auf das hinweisen, was er Ihnen allen auch künftighin bedeuten möge, und wie die Anregungen, die Sie bereits von ihm empfangen haben, auch später in Ihrem Geist und Ihrem Gemüt fortwirken sollen.


