Aufsatz 
Festprogramm, womit zu der am 2. Juli stattfindenden 300jährigen Gründungsfeier des Königlichen Gymnasiums in Hersfeld ergebenst einladet der Direktor Dr. Georg Friedrich Eysell
Entstehung
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zutraute, jeder Verſuchung der ſinnlichen Liebe Stand zu halten, daß ſie folglich in dieſem Sinne ſich über die Schwäche des Weibes hinaus wußte. Und eben das iſt es, was Johanna im letzten Grunde als ihre eitle Selbſtüberhebung bezeichnet. ¹*)

Von dem gewonnenen Anſichtspuncte aus eröffnet ſich uns denn der tiefſte Blick in den Seelengrund der Heldin. In jenem Selbſtvertrauen nämlich, das Herz von Liebe rein und unbefleckt⸗ zu halten, lag für ſie die himmliſche Gewähr, aus Gottes Fülle jederzeit die Macht zur That nehmen zu können, ²) und dieſe Ueberzeugung verband ſich mit der göttlichen Bürgſchaft:Du wirſt Frankreich retten, ²³) zu einer ſolchen Zuverſicht des Glau⸗ bens, welche ſich von thatſächlicher Wirklichkeit kaum mehr als dem Namen und der Form nach unterſchied.) Die Hoheit dieſes Seelenaufſchwungs gab ſich auch in ihrem äußeren Sein einen ſprechenden Ausdruck?) und machte es ihr geradezu unmöglich, an dem Alltagstreiben und der Alltagsgeſinnung der Men⸗ ſchen irgendwie Gefallen zu finden.)

So gewis nun Johannas geiſtiger Standpunct von Thibauts Anſicht über den inneren Zuſtand und das Streben derſelben himmelweit verſchieden iſt,*) ſo bleibt doch ſoviel richtig an

¹) Den augenfälligen Beweis der Richtigkeit wird das Weitere ergeben. Für jetzt nur noch ſoviel, daß die Liebe ſie zu Falle gebracht hat, und daß die Worte:daß ich mich eitel über Euch erhob, nach dem Falle geredet worden ſind.

²) Prol. 3, V. 324 flgd.

³) Prol. 4, V. 423 flgd.

) Act J Sc. 10, V. 690 flgd.

) S. Raimonds Schilderung Prol. 2, V. 75 flgd.

³) Unter jenem verſtehen wir namentlich die gewöhnlichen Luſtbarkeiten der Jugend, ſ. Prol. 2, V. 81; dieſe ſpiegelt ſich z. B. in Thibauts politi⸗ ſchem Bekenntnis Prol. 3, gegen Ende: Laßt uns ſtill gehorchend harren, wen uns der Sieg zum König geben wird u. ſ. w.

*) Natürlich ſchon deshalb, weil er nichts von Johannas Berufung weiß.