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Menſchen gegenüber hoffährtig, während ſie vor Gott ſich beugt? Denn ſo wunderbar iſt der Menſch beſchaffen, daß Hochmuth und Demuth in demſelben Herzen oft dicht neben einander liegen. Eine Antwort darauf gibt Raimond, indem er wider Thibauts Beſchuldigung:„ſie ſchämt ſich ihrer Niedrigkeit,“ die Freudig⸗ keit hervorhebt, womit Johanna bisher ihren Schweſtern ge⸗ dient und wie eine niedere Magd die ſchwerſten Pflichten mit ſtillem Gehorſam geübt hat.*) Beſteht damit eine Verachtung des niederen Standes an ſich oder der niederen Leute als ſolcher und der kleinen Beſchäftigungen des Lebens? Nichts von alle dem.— Wasendlich iſt nach Thibauts Meinung das Ziel, welchem das Trachten der Tochter gilt? Nichts weiter, als irdiſcher Glanz und irdiſche Größe. ²) Johanna dagegen verſichert feier⸗ lich:*)„Mich treibt nicht eitles, irdiſches Verlangen“. Und das dürfen wir ihr aufs Wort glauben, denn— von allem an⸗ dern abgeſehen— ſie weiß es, daß ſie des Krieges Opfer ſein wird und folglich nur ſehr kurze Zeit ſich im Glanze irdiſcher Herrlichkeit ſonnen könnte. ⁴)
Soviel ſteht demnach feſt: Was Thibaut unter Johannas Hochmuth ſich denkt, iſt etwas ganz anderes, als was Johanna ihre eitle Selbſtüberhebung nennt. Und worin beſteht nun die letztere? Erinnern wir uns des Ausſpruchs, womit Maria die
¹) Vergl. Johanna, ſelbſt I, 10: Ich bin nur eines Hirten niedere Tochter.
²) Dies zeigt die ganze Scene 2 des Prologs und namentlich die Hauptſtelle V. 112 flgd.(der Warnungstraum, welcher nach Thibauts Meinung ſinnbildlich das eitle Trachten Johannas darbildet, iſt die Baſis ſeiner Anklage).
²) Prol. 4, V. 400..
⁴) Act II, Sc. 7, V. 438. Prol 4, V. 392 u. 394. Die Worte V. 415: „Doch werd' ich dich mit kriegeriſchen Ehren, vor allen⸗Erdenfrauen dich verklären,“ ſprechen nicht dagegen, denn ſie ſind Offenbarungsworte
Gottes und weiſen überdies auf einen idealen Lohn hin. 7*


