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aber iſt die, ob Thibauts Vorwurf in dem Sinne gerechtfertigt iſt, in welchem er ihnznimmt. Und hier iſt vor allem der Unterſchied feſtzuhalten zwiſchen Sünde haben und der Sünde dienen oder in Sünde einhergehen. Letzteres meint Thibaut, wenn er der Tochter ein Nähren des Hochmuths um ihrer hohen Gaben willen ſchuld gibt und ihres Herzens Trachten eitel nennt. Wie alſo? iſt Johanna eine hochmüthige— eine liebloſe Perſon? bilden jene Eigenſchaſten etwa die ncründzäge ihres Charakters?
Was erſtens die Liebloſigkeit betrift„ſo iſt ſoviel richtig, daß die große Idee, von der ſie bewegt war, und für welche ſie bei den Ihrigen kein Verſtändnis fand, Johanna dieſen mehr oder weniger entfremdet hat; ebenſo überzeugend aber beweiſen gerade ihre Aeußerungen in Reims, daß das Gefühl für ihre Angehörigen bloß zeitweilig zurückgedrängt iſt, nur um deſto gewaltiger wieder hervorzubrechen.!) Und wie könnte wohl ein Gemüth im Grunde lieblos ſein, das mit ſolcher Liebe ſich für das Vaterland begeiſtert! Wie wäre ein Herz gefühllos, das mit ſolchem Gefühl die Natur umfaßt! und ein hochmüthiges Geſchöpf ſollte Johanna ſein? Man löͤſe dieſe Frage zunächſt im Hinblick auf Johannas Wort: „Wie kann ich ſolcher That mich unterwinden, eine zarte Magd?“ oder angeſichts ihres politiſchen Bekenntniſſes:„Sein zitterndes Geſchöpf wird er erwählen, durch eine zarte Jung⸗ frau wird er ſich verherrlichen, denn er iſt der Allmächtige.“ Wer darf ein Weſen hochmüthig ſchelten, das ſo, wie Johanna hier, Gott allein die Ehre gibt, für ſich ſelbſt jeden Ruhm ablehnt! und dies in einer Sache, welche recht eigentlich das Herz und die Summe ſeines Daſeins ausmacht!— Nun ſo iſt ſie vielleicht
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55 ¹): S. auch die Art, wie Johanna ſich nach ihrem Vater erkundigt 8 IV, Sc. 9, V. 364 flgd.


