2 97 E&
ſelbſt hebt dies Befremden, freilich nur um ein anderes zu erregen. In Reims nämlich ſagt ſie zu ihren Schweſtern:„Und Eure Liebe führt Euch zu mir her.... Ihr zürnt der Schweſter nicht, die lieblos ohne Abſchied Euch verließ!“, und bald darauf: „Büßen will ich's mit der ſtrengſten Buße, daß ich mich eitel über Euch erhob!“ ¹) Alſo hat ſie der Ihrigen nicht gedacht aus Eitelkeit und Liebloſigkeit, welche nur die practiſche Seite jener iſt. Dieſe Selbſtanklage findet eine Beſtätigung in dem Aus⸗ ſpruch der Maria:„Durch ſtrengen Dienſt muß ſie geläutert werden“. Denn wer geläutert werden muß, iſt nicht rein, nicht heilig. Iſt ſie das aber nicht, ſo iſt ſie auch nicht frei von Hochmuth, weil dieſer die Erz⸗ und Hauptſünde des Menſchengeſchlechtes iſt.
So wäre denn wohl der Vorwurf des Hochmuths, welchen Thibaut(Sc. 2) ſeiner Tochter macht, nicht unbegründet? ²) Allerdings iſt er inſoweit nicht ohne Grund, als das Geſtändnis eitler Selbſtüberhebung, welches Johanna in Reims abgelegt hat, ſich auf die Zeit ihres Heimatlebens bezieht. ³) Eine andere Frage
¹) Act IV, Sc. 9. Es thut nichts zur Sache, daß die letztere Stelle ſich nicht direct auf den Abſchied von der Heimat bezieht.
²) Wer Johannas Viſionen aus ſubjectivem Geſichtspuncte betrachtet, dem bietet namentlich der Vergleich der zweiten mit der erſten Berufung eine reiche Leſe von Beweiſen des Hochmuths dar. Wir machen aufmerkſam auf den Fortſchritt von Maria zu Gott, von dem Wenn und dem Wie kann ich auf das Du wirſt, von dem Dort oben groß auf das Verklären vor allen Erdenfrauen, ein Vergleich, der noch überboten wird durch Strophe 5:„Wenn im Kampf die Mu⸗ thigſten verzagen, dann wirſt du meine Oriflamme tragen“ u. ſ. w. Auch dafür, daß Johanna für die Liebe empfänglich ſei, beſitzt die ſub⸗ jective Auffaßung der Geſichte einen Beleg in dem tief Gefühlvollen: „Dir blüht kein lieblich Kind an deiner Bruſt,“ worin ſich ein leiſer Hauch unverſtandener Sehnſucht kund gibt. Natürlich braucht dieſer Standpunct nicht um Einzelbeweiſe verlegen zu ſein.
³) Wie viel weiter daſſelbe greiſt, beweiſt allein ſchon der Umſhand, daß
es Johanna nach ihrem Falle ausſpricht. 7


