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Lichte deſſelben Thibauts Traum mit neuem Glanze auf, und die großen Gaben der Jungfrau unkleiden ſich mit dem Schein einer providenziellen Bedeutung. Die Glaubensgewisheit, welche Jo⸗ hanna in jedem ihrer Worte durchglühen läßt, reißt den Zuſchauer zu der Ueberzeugung hin, daß es ſich hier um etwas mehr, als um ſubjective Einbildungen und Schwärmereien handle; nur darüber beſitzt er noch keine Sicherheit, weil noch keine objective Garantie, ob Johannas begeiſterte Weiſſagung bloß auf der Energie eines bergeverſetzenden Glaubens, der ſeiner Ziele unent⸗ wegbar gewis iſt, oder auf höherer Inſpiration und göttlicher Eingebung beruhe. Wir dagegen, die wir in das Geheimnis ihrer Berufung geſchaut, ſind des letzteren gewis und ſehen mit Augen, daß der Geiſt der Offenbarung ihr Aufſchluß gegeben hat über das anfängliche Bedenken, wie eine zarte, des Kriegs unkun⸗ dige Jungfrau eine ſolche That zu vollbringen im Stande ſei. ¹) Das Uebermenſchliche, ſo hat der Geiſt ſie gelehrt, wird nur mit übermenſchlicher Kraft, d. h. in der Kraft des allmächtigen Gottes vollbracht. Der Gott, welcher die Jungfrau zu ſeinem Dienſte erwählt hat, will in ihr der Allmächtige ſein, denn ſeine Stärke iſt mächtig in den Schwachen. In der Demuth der Kraft, die ihres himmliſchen Urſprungs ſich bewußt iſt, und in der Kraft der Demuth, die ihre Stärke vom Himmel nimmt, kann und wird Johanna ſiegen über den vermeßenen Stolz und die Gott⸗ vergeßenheit aller Feinde des Vaterlandes.
Was für ein Geiſt, ruft Thibaut betroffen aus, ergreift die Dirn! Johanna aber läßt ihrer patriotiſchen Begeiſterung wei⸗ teren Lauf. Gott liebt Frankreich, das iſt der Sinn ihrer Rede, gleichwie den Apfel ſeines Auges, und hat es zu dem Paradies der Welt geſchmückt. Und dieſes Land ſollte die Feßeln fremder
¹) S. die Berufung Act I, Sc. 10 und oben S. 69 u. 70.


