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mat? Hier löſt ſich Johannas Zunge und ihr Mund geht über in prophetiſche Verkündigung deſſen, was unfehlbar geſchehen wird:„Nichts von Verträgen! nichts von Uebergabe! Der Retter naht... vor Orleans ſoll das Glück des Feindes ſcheitern! Mit ihrer Sichel wird die Jungfrau kommen und ſeines Stolzes Saaten niedermähn¹)... Eh der Roggen gelb wird, eh ſich die Mondesſcheibe füllt, wird kein engländiſch Roſs mehr aus den Wellen der prächtig ſtrömenden Loire trinken.“ Ein Wunder wird geſchehen.„Eine weiße Taube wird fliegen und mit Adlers⸗ kühnheit dieſe Geier anfallen, die das Vaterland zerreißen. Dar⸗ niederkämpfen wird ſie dieſen ſtolzen Burgund, den Reichs⸗ verräther, dieſen Talbot, den himmelſtürmend hundert⸗ händigen, und dieſen Salsbury, den Tempelſchänder, und dieſe frechen Inſelwohner alle wie eine Herde Lämmer vor ſich jagen. Der Herr wird mit ihr ſein, der Schlachten Gott. Sein zitterndes Geſchöpf wird er erwählen, durch eine zarte Jungfrau wird er ſich verherrlichen, denn er iſt der Allmächtige!
Kein Zweifel mehr: Johanna iſt in ihrer Idee die rettende Jungfrau, ihre ganze Seele brennt in dem Befreiungsgedanken des Vaterlandes. Damit iſt vollkommen klar, warum ſie die Einſamkeit, warum gerade den Eichbaum geſucht im Bereiche des Heiligenbildes— weshalb ſie weder für Jugendfreuden noch für die Liebe Sinn gehabt— weshalb ſie geſchwiegen, vertieft in ſich und verſunken. Jeder Gedanke an Zauberei tritt vor dem chriſt⸗ lichen Gehalte ihrer Rede unſcheinbar zurück, dagegen ſtrahlt im
¹) Vortrefflich, daß Schiller ſie in demſelben bibliſchen Bilde, wie Prol. 4,
Str. 5 und mit demſelben Wird, wie Prol. 4, Str. 4 u. 5 reden läßt.
Zu beachten iſt außerdem, daß Johanna zuerſt der Retter, dann die Jungfrau(unter welcher gerade in dieſem Zuſammenhange auch wohl
Maria verſtanden werden könnte) und erſt am Schluße eine zarte Jung⸗ frau ſagt, die keine andere als ſie ſelbſt ſein kann.


