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beherrſcht werde. Am Ende gehen auch die letzten Schatten von Zweifel und Furcht in den chriſtlichen Selbſtbekenntniſſen und prophetiſchen Ergüßen der Jungfrau unter, und die Thatſache ihrer Miſſion ſowie die Göttlichkeit derſelben bricht(Scene 4) mit Lichtes Klarheit wie die Sonne aus dem Nebel hervor.
Die ſehr draſtiſche Weiſe, womit Johanna den Helm als ihr Eigenthum in Anſpruch genommen und ſich in den Beſitz deſſelben geſetzt hat, veranlaßt Thibaut zu der verwundert⸗unwilligen Frage: „Was fällt dem Mädchen ein?“ Raimond, alzzeit ſchlagfertig, wo es darauf ankommt, die Sache der Geliebten zu vertreten, bittet den Vater, ihr den Ritterſchmuck zu laßen, weil er ſehr wohl paſſe zu ihrem Heldenſinn. Zum Beweiſe deſſen erinnert er daran, wie„die löwenherzige Jungfrau“ einſt ganz allein dem Tigerwolf, der aller Hirten Schrecken war, ein Schaf aus dem Rachen gerungen habe.— Wie ſolch ein Opfer⸗ muth um ein Lamms? ſolche weit mehr als weibliche Körper⸗ kraft? Weſſen muß ein Herz, ſo treu im Kleinen, fähig ſein, wenn das Höchſte auf dem Spiele ſteht, das Vater⸗ land! Was fehlt einer Jungfrau, wie dieſe, an Mannes⸗ kraft zur Mannesthat! Neuer Grund, ſo ungemeiner Tüchtig⸗ keit Leibes und der Seele das Ungemeine zuzutrauen. ¹)
¹) Eine ſinnige Bemerkung von Viehoff S. 35 mögen wir dem Leſer nicht vorenthalten: Mit Raimonds Erzählung vom Tigerwolf, den Johanna bezwungen, ſchließt ſich die Reihe der Bilder, welche Schiller uns von ihrem Charakter und ihrer Eigenthümlichkeit geben wollte, bevor er ſie ſelbſt redend und handelnd einführte. Ehe ſie noch ein Wort geſprochen, hat der Dichter uns das Gemälde ihres Innern ſchon in allgemeinen umrißen entworfen. Wir wißen ſchon, daß ſie ein ganz außerordentliches, die Spiele der Jugend meidendes, der irdiſchen Liebe verſchloßenes, die Einſamkeit ſuchendes, mit hohen geiſtigen und körperlichen Gaben ausge⸗ ſtattetes, dabei doch beſcheidenes und die ſchwerſten Pflichten ſtill gehorſam übendes Mädchen iſt, welches von dem trefflichſten Jüngling des Dorfes mit ehrfurchtsvoller Reſignation geliebt wird. Bei der Expoſition dieſer


