Aufsatz 
Festschrift zu der am 7. Januar 1897 stattfindenden Einweihung des Goethe-Gymnasiums in Frankfurt/M., hrsg. v. Lehrerkollegium
Entstehung
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heranwachsen. Der Vertiefung in die Geschichte großer Männer gilt besonders die folgende Bemerkung:Seitdem es den Er- ziehungskünstlern gelungen ist, dem Genius der Zeit gehorchend, die meisten zur Veredelung und Würde des Geistes führenden Studien zu verseichten, bleibt für jemand, der hier und da den unverdorbenen Jüngling mit fremder Stimme in ein edleres Leben rufen möchte, außer den Alten, die man aus ihren Schlupf- winkeln noch nicht ganz verdrängte, nichts anderes übrig, als Geschichte der Erziehung und Bildung von Männern, die im Kampf mit den Hindernissen der Zeit und den inneren Schwierig- keiten der Sachen durch angestrengte Kräfte das Höchste in dem gewählten Kreise erstrebten. 4

Wer also Goethes Spuren folgen und in seinem Geiste wirken will, wird die Beschäftigung mit den edelsten Erzeug- nissen des griechischen und römischen Altertums niemals gering achten und beiseite setzen dürfen. So lange unsere Schule den ihr jetzt verliehenen Namen trägt, wird sie das Pauier der Pflege klassischer Bildung im Goethischen Sinne hochhalten müssen, oder sie würde ihres Namens nicht würdig sein.

Das Endziel des Jugendunterrichts ist freilich nicht die Beschäftigung mit diesem oder jenem Gegenstand; der Stofl. und auch der beste und edelste, ist nicht Endzweck. sondern Mittel zu einem höheren Zweck, und dieser ist: die Bildung des Herzens und Charakters zu reiner, edler Menschlichkeit, zur Ehrfurcht gegen das höchste Wesen wie gegen die Mit- menschen, zur Liebe, zur Pflichterfüllung. Die Einrichtungen der pädagogischen Provinz in den Wanderjahren, So eigentümlich sie uns auch anmuten, können wir doch in ihrem inneren Gehalt anerkennen und würdigen; wir verstehen den Dichter recht, wenn wir bedenken, daß er in einem Bilde und gewissermaßen gleichnisweise zu uns redet. Und alle diese Anordnungen gipfeln darin, die Ehrfurcht vor dem Heiligen in den Herzen der Jugend zu pflanzen und zu pflegen:Eins bringt niemand mit auf die Welt und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten ein Mensch sei: Ehrfurcht. Die Ehrfurcht soll die Furcht ablösen:Sich zu fürchten ist leicht, aber beschwerlich; Ehrfurcht zu hegen ist