Aufsatz 
Staatliches Gymnasium zu Dillenburg. Festschrift zur 50jährigen Gedenkfeier seines Bestehens als Vollanstalt am 8. und 9. September 1924
Entstehung
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wiſſenſchaftlich gebildeten Menſchen, daß die Wiſſen⸗ ſchaft mit ihren bereits gewonnenen Reſultaten nicht mehr bloß in ſich verharre, ſondern auch heraustrete zum Leben, zur Gegenwart, und dieſe durchdringe und vervollkommne, daß die theoretiſchen Studien mehr der Praxis Vorſchub leiſten möchten, 1) in erhöhtem Maße Rechnung getragen. Hand in Hand mit der Vertiefung der ſittlichen Menſchenbildung ging das Streben nach beſſerer körperlicher Aus⸗ bildung. Daß dem Turnweſen bisher ſchon beſondere Pflege zuteil geworden war, iſt oben bereits angedeutet worden; äußerlich tritt das nunmehr auch dadurch in Erſcheinung, daß in den Jahresprogrammen bei der Ueberſicht über die Lehrgegenſtände regelmäßig unter D.Gymnaſtiſche Uebungen bezeichnet ſind und daß in derChronik der Anſtalt auch über Ziel und Verlauf der jährlichen Turnfahrten, die nach geſchichtlich bedeutſamen Stät⸗ ten der Umgegend, aber auch weiter in die Wetterau, an den Rhein uſw. führten, ſowie über die Er⸗ gänzung und Erweiterung der Turnapparate regel⸗ mäßig berichtet wird. So wurden z. B. im Schul⸗ jahr 1844/45mehrere neue Stücke zugefügt, ſodaß der Turnapparat gegenwärtig aus vier Recken, drei Barren, einem kleinen und einem großen Kletter⸗ tau, einer Streckſchaukel, einem Schwingel, einem Gerkopf, einem Sprungbrette und einem Taue be⸗ ſteht, und vom Schuljahr 1846/47 wird berichtet, daß der Turnapparatdurch ein Klettergerüſt ver⸗ mehrt wurde, zu welchem der hieſige löbliche Stadt⸗ vorſtand das erforderliche Holz mit höchſt dankens⸗ werter Liberalität unentgeltlich verabfolgen ließ. ²) Es mag den heutigen Turner mit einem ge⸗ wiſſen Neid erfüllen, wenn er da weeiter lieſt, daßein von acht Säulen getragener Tempel ſich auf dem freundlichen Turnplatz erhebt, den ſchlanke Eichen beſchatten und grüne Raſenplätzeg umgeben, und daß ſichauch ein geräumiger Spielplatz, ange⸗ nehm gelegen am Ufer der Dill, ganz in der Nähe des Pädagogialgebäudes ausbreitet.¹) Unzulänglich erſcheint es indeſſen vom heutigen Standpunkt, wenn Jahrzehnte lang für die lehrplanmäßigen Turnübun⸗ gen eine einzige Turnabteilung eingerichtet iſt, die nur im Sommer in vier WochenſtundenFreiübun⸗ gen und Ordnungsübungen mit allen Schülern, Ge⸗ räteturnen mit den ſtärkeren Schülern betreibt. 4) Es iſt der naſſauiſchen Regierung zu hohem Lobe anzurechnen, daß ſie durch laufende Zuwen⸗ dungen den Ausbau der zugleich mit der Schüler⸗ bücherei im Jahre 1821 unter Rektor Sandberger) begründeten Anſtaltsbibliothek verhältnis⸗ mäßig großzügig ermöglichte. Bis zum Jahre 1839 waren jährlich 100 Gulden aus dem naſſauiſchen Zentralſtudienfonds zur Verfügung geſtellt worden, wozu in dieſem Jahre zur Einrichtung einer beſon⸗

deren didaktiſchen Abteilung die Summe von 33 ½ Gulden hinzukam. Auf die Erweiterung dieſer Spezialſammlung wurde beſonderer Wert gelegt, und ihr ſind in den folgenden Jahren wiederholt beſon⸗ dere Zuwendungen gemacht worden. Im übrigen ſchwanken die in den folgenden Jahren für Biblio⸗ thekzwecke gemachten Aufwendungen je nach dem Bedürfniſſe zwiſchen 100 und 300 Gulden. Auch die anderen Sammlungen wurden nicht vernachläſſigt: 1846/47 wurden z. B. 150 fl. für den naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Apparat bewilligt; damit konntedie phyſikaliſche Lehrmittelſammlung durch eine Wage mit Grammgewichten, eine Bunſenſche Batterie, einen Maßſtab mit 7 verſchiedenen Maßen, ein Eudiometer, ein Nicholſon Aräometer, ein Thermometer, eine Benzol⸗Lampe und einen Apparat für die chemiſchen Grundoperationen, welche Gegenſtände ſämtlich von Luhme in Berlin bezogen wurden,) bedeutend er⸗ weitert werden.

Dem Fortſchritt des Unterrichts kam ferner weſentlich zugute, daß die durchweg veralteten Schulbücher, wie ſie durch Verordnung vom 9. September 1817 vorgeſchrieben waren, im Laufe der Zeit durch neue erſetzt worden waren, die den Ergebniſſen der Forſchung auf wiſſenſchaftlichem und pädagogiſchem Gebiet Rechnung trugen. So war z. B. an Stelle des völlig unbrauchbar gewordenen Geſchichtsabriſſes von Kohlrauſch und Bredows Merkwürdigen Begebenheiten, welch letztere noch im Schuljahr 1848/49 in der 3. und 4. Klaſſe im Gebrauch waren, ſeit Anfang der 50 er Jahre das geſchichtliche Lehrbuch von Welter eingeführt wurde, das 1867 durch dasjenige von Pütz erſetzt wurde.

Auch die methodiſche Ausbildung der Lehrer hatte inzwiſchen weſentliche Fortſchritte ge⸗ macht. Es ſei erlaubt, hier eine kurze Bemerkung über die Vorbildung der naſſauiſchen Lehrer an den gelehrten Schulen einzuflechten. Mit ganz ver⸗ ſchwindenden Ausnahmen haben ſie, ſoweit ſie aus dem Herzogtum ſelbſt ſtammten, ihre Ausbildung auf der Unwerſität Göttingen erhalten, wo für ſie ein Stipendium bezw. ein Freitiſch beſtand.7) Hier nahmen die Studenten in höheren Semeſtern an den philologiſchen und pädagogiſchen Seminarübungen teil, in denen ſie indeſſen nur eine überwiegend theo⸗ retiſche Unterweiſung erhielten. Wer im naſſauiſchen Schuldienſt angeſtellt werden wollte, mußte ſich einer Prüfung vor der herzoglichen Oberſchulkommiſſion in Wiesbaden unterziehen, die ſich aus dem Dezernenten für das naſſauiſche höhere Schulweſen, einem Mit⸗ gliede des Konſiſtoriums und dem Dyektor des Landesgymnaſiums(nach 1846 ſind es mehrere Direktoren verſchiedenartiger Vollanſtalten des Lan⸗ des) zuſammenſetzte. So kam es häufig vor, daß in Preußen bereits geprüfte Schulamtskandidaten

1) Dr. Roſſel(ſiehe 2. T. AIl b 13) Die beiden Bildungswege unſerer Zeit und ihre Vermittlung Progr. Dillenburg 1847 S. 2. Ebenda S. 22.

3) Progr. Dillenburg 1845 S. 4. 4) P

rogr. Dillenburg 1866 S. 7. 5) Progr. 1821 S. 46. Ueber Sandberger ſiehe 2. T. AII a 2. 6) Progr.

1847 S. 22. 7) Daß ſich aus dieſer Einrichtung der Ausdrucknaſſauern herleitet, dürfte hinlänglich bekannt ſein.