Akten zu entnehmen, daß neben den humaniſtiſchen Studien nun auch dem Aufſchwung der Natur⸗ wiſſenſchaften und der Veränderung des Weltbildes inſofern mehr Rechnung getragen wurde, als ent⸗ ſprechende Lehrmittel, Globen und Landkarten, von der fürſtlichen Regierung angeſchafft wurden. Hier⸗ aus ergibt ſich die Folgerung, daß die Lateinſchule, nachdem ihr urſprünglicher Zweck, Geiſtliche vorzu⸗ bilden, überholt war, allmählich allgemeinere Lehr⸗ ziele verfolgte, dabei aber doch im veſentlichen, die zum Studium der Wiſſenſchaften erforderliche Vorbildung zu vermitteln, ſich zur Aufgabe machte.
Einen Wendepunkt in der Entwicklungsgeſchichte der Schule bedeutet das Jahr 1774. Auf den bereits 1766 auf Veranlaſſung des damaligen Ober⸗ konſiſtorialrats Schepp vom hieſigen Konſiſtorium beim Fürſten Wilhelm V. eingebrachten und dann durch Immediatgeſuche immer wieder erneuerten An⸗ trag wurde 1774 wieder ein 3. Lehrer und zwar der gerade anweſende„ſchleſiſche Proſelyt“ Trepka angeſtellt und zugleich das auf dem Kirchberg ge⸗ legene, dem Kanzleidirektor Spanknabe gehörige Haus, das kurz vorher auf herrſchaftliche Koſten neu hergerichtet und durch einen Anbau erweitert worden war, als öffentliches Schulgebäude und Wohnung des Rektors der lateiniſchen Stadtſchule zur Verfügung geſtellt') und dieſer die Benennung „Pädagogium“ gegeben(vergl. Dillenburger Intelligenznachrichten vom 13. 8. 1774). Die Schule wurde damals der Aufſicht der Dillenburger Geiſt⸗ lichkeit unterſtellt?), und die Konſiſtorialräte Wilh. Heinrich Seel, Friedrich Adolf Vollpracht und Gene⸗ ralſuperitendent Grimm ſind in der Zeit bis 1817 mit kurzer Unterbrechung während der Franzoſen⸗ herrſchaft„Ephoren“ derſelben geweſen. Aus Kretzers Darſtellung ſind uns ferner die Namen ſämtlicher Lehrer der Schule dieſes Zeitabſchnittes bekannt. Es ſind durchweg Männer geweſen, deren Namen in Kirche und Wiſſenſchaft einen guten Klang ge⸗ habt haben. Auch ſie ſind, zumal einzelne derſelben in der folgenden Darſtellung der naſſauiſchen Schul⸗ geſchichte noch öfter Erwähnung finden, in das ange⸗ hängte Lehrerverzeichnis, 3) und zwar mit gutem Gründe im Wortlaute Kretzers ¹4) aufgenommen wor⸗ en.
Daß der Lehrplan der Schule in der neuen Entwicklungsperiode, wenngleich die Mutterſprache und die Realien vorzugsweiſe in einzelnen Abtei⸗ lungen(„Ordnungen“) der nach Baſedowſchem Vor⸗ bild zur Aufnahme aller Kinder und ihrer Er⸗ ziehung„zu einem gemeinnützigen patriotiſchen und glückſeligen Leben“ eingerichteten unteren Klaſſen etwas mehr Geltung bekam, in der Bevorzugung der altklaſſiſchen Studien nichts nachgab, zeigen ebenſo⸗ ſehr das Programm für die damals übliche alljähr⸗ liche Schlußprüfung, zu welcher der Rektor des Päda⸗
gogiums, Hoffmann, in der vorgenannten Nummer der Dillenburger Intelligenznachrichten im Jahre 1774 die Freunde und Gönner der Schule einlud, wie die beiden Lehrpläne von 1782 und 1792, von denen letzteren der Herborner Profeſſor Wiſſeler, der vormalige Rektor des Pädagogiums, ⁵) für die reformierten Schulen der fürſtlich⸗oraniſchen Lande ausgearbeitet hatte. In dieſem wurde es über⸗ dies ausdrücklich ausgeſprochen, daß das Ziel der Lateinſchulen nicht mehr lediglich auf die Ausbildung von Geiſtlichen gerichtet, ſondern darin beſtehe, „junge Leute zur Benutzung des akademiſchen Unter⸗ richts vorzubereiten“, und daß für die gelehrten Berufe die alten Sprachen unentbehrlich ſeien. Au⸗ ßer dem Lehrplan lernen wir in dieſen Urkunden auch die äußere Einrichtung der Schule von damals kennen. Sie hatte drei Klaſſen, von denen jede nach der Verſchiedenheit der Schüler, nach Alter und Fähigkeiten in 2—3 Ordnungen(wie oben be⸗ reits angedeutet) zerfiel, ſodaß der ganze Lehrgang der Schule 6—7 Jahre dauerte. Die Zahl der wöchent⸗ lichen Unterrichtsſtunden ſchwankte zwiſchen 24 und 26. Bezeichnenderweiſe fallen in der 3. u. 2. Klaſſe auf den Unterricht im Deutſchen nur 2 Stunden in der Woche, von denen in der 2. Klaſſe eine auch noch zur Anfertigung eines lat. Exercitiums be⸗ nutzt werden ſoll, während für die 1. Klaſſe über⸗ haupt kein beſonderer Deutſchunterricht vorgeſehen iſt. Auffällig iſt auch, daß das Franzöſiſche als Lehrfach planmäßig erſt 1793, und zwar in einem Zuſammenhange(wegen Mangels an Brennholz ſollte es zeitweiſe ausfallen) erwähnt wird, der die bisherige untergeordnete Stellung dieſer Sprache im Lehrplan erkennen läßt. Erſt allmählich mit der Verbreitung der Ideen der franzöſiſchen Aufklärung und neuerdings des Weltbürgertums im napoleo⸗ niſchen Zeitalter ſcheint ſie ſich eine dauernde Stel⸗ lung in den oraniſchen Schulen erobert zu haben.
Noch einmal kommt im Anfang des 19. Jahr⸗ hunderts eine, vielleicht die ſchlimmſte Leidenszeit über die Schule, und die Zeitgeſchichte(Koalitions⸗ kriege, Vertreibung der Oranier aus den Nieder⸗ landen, Verluſt und Teilung der naſſauiſchen Stamm⸗ lande, Eingliederung Dillenburgs in das Großher⸗ zogtum Berg) prägt ſich deutlich in den Geſchicken der Schule aus. Beſonders übel waren die Zuſtände während der Zeit der Franzoſenherrſchaft(1806—13), da die Schule ohne jede finanzielle Unterſtützung war. Die naſſ. Regierung verweigerte wie die Gemeinde Dillenburg die Gehaltszahlungen, die franzöſiſche Verwaltung ſchaffte keinen Erſatz, auch die Unter⸗ ſtützung, die aus der Kirchenkaſſe bisher gezahlt worden war, wurde eingeſtellt, da es an Geld fehlte. Aber trotz dieſer ungünſtigen Verhältniſſe blieb die Schule, die damals unter der Leitung des tatkräf⸗ tigen Rektors Roemer ſtand, beſtehen.
1) Vergl. Dönges a. a. O.— 2) Vergl. Kretzer a. a. O. S. 12.— 3) ſiehe 2. T. A lb.— 4) a. a. O. S. 13 ff.— 5) ſiehe 2. T. Alb.
4
——————ém


