Aufsatz 
Festschrift zur Einweihung des Neubaues der höheren Bürgerschule zu Dieburg am 6. August 1908
Entstehung
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2. Das bürgerliche Gemeinweſen.

Es war Leben in dieſen mitteltalterlichen Städten, ſo klein ſie nach unſeren Begriffen auch waren.

Außer den Gewerben zur Befriedigung der täglichen Lebens⸗ bedürfniſſe, denen der Bäcker, Metzger, Schreiner, Schloſſer uſw., finden wir in Dieburg zahlreiche Woll⸗ und Leinenweber. Der Durchgangsverkehr zu Geſchirr gewährte den Riemern und Sattlern lohnenden Verdienſt; die Waſſermenge der Gerſprenz benutzten zahlreiche Lohgerber; das Faſtengebot und der Fiſchreichtum des Fluſſes bedingten das Gewerbe der Fiſcher.

Bis in unſere Tage hinein war auf den Mainzer und Frank⸗ furter Meſſen und Märkten Dieburger Geſchirr ein geſuchter Artikel, im benachbarten Eppertshauſen blüht ſie ja heute noch, die alte Häfnerei.

Der mittelalterlichen Wahrhaftigkeit und der Anweſenheit adliger Familien und kurfürſtlicher Beamten verdankte das Ge⸗ werbe der Schwertfeger und Harniſchmacher ſein Daſein und ſeine angeſehene Stellung. Geldwechſel eine wichtige Sache damals bei dem Vielerlei der Münzen und Bankgeſchäfte beſorgten die Juden, die in einer eigenen Gaſſe wohnten, in der platea Judaeorum.

Die Ausübung der Gewerbe ſtand unter ſtrenger obrigkeit⸗ licher Kontrolle. Fiſch⸗, Fleiſch⸗ und Brotbeſeher überwachten Güte und Gewicht dieſer wichtigſten Lebensmittel, Riedbeſeher kontrol⸗ lierten Breite und Brauchbarkeit der Tuchwaren, Lederbeſeher die des Leders. Über Größe, Güte, Gewicht und Preis der Waren, über ihre Herſtellung und Vertrieb gab es genaue Vorſchriften. Die Generation vor uns hat ſie beſeitigt; wir ſehen ſie wieder⸗ kehren, geſetzlich auf Umwegen, offen und rückſichtslos durch die Kartelle und Syndikate. Die Lebenskräfte im geſellſchaftlichen Organismus ſind doch immer wieder die gleichen und führen zur gleichen Lebensordnung. Die Abwechslung von Arbeit und Er⸗ holung gehört auch zur geſunden Lebensordnung. Auch der mittelalterliche Bürger brauchte ſie, und Erholung fand er an Sonn⸗ und Feiertagen im frohen Kreis ſeiner Zunft⸗ und Zech⸗ genoſſen. Nicht ſo lange freilich blieb man ſitzen als jetzt; um 8 Uhr ſchon rief die Weinglocke die Säumigen aus dem Wirts⸗ haus, und doch wurde dort mehr getrunken und mehr geplaudert als jetzt; freilich öffnete der damals als Getränk allgemein übliche Wein auch mehr Mund und Herz als unſer jetziges Bier. Noch er⸗ innern die Namen alter Gewannwege, wieWingertsweg,im Wingert an die frühere Verbreitung des Weinbaus. Der Ertrag der Weinſteuer nach einer Beſtimmung des Kurfürſten Bert⸗ hold von Mainz von 1499 vom Fuder 18 Weißpfennige bildete einen beträchtlichen Teil der ſtädtiſchen Einnahme.