Aufsatz 
Festschrift zur Einweihung des Neubaues der höheren Bürgerschule zu Dieburg am 6. August 1908
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

ſchaffen, die faſt an die der Abtei Lorſch heranreicht. Kinderſinn und Manneskraft!

Während ſo die Kaiſer⸗ und Reichsgeſchichte, das chriſtliche Kulturleben in der Nachbarſchaft wichtige Stützpunkte haben, liegt Dieburg im Dunkeln. Zum erſtenmal vernehmen wir dieſen Namen in den Jahren 1207 und 1208. Eine Judda von Dieburg und ein Heinrich von Dieburg eröffnen die Reihe der urkundlich erwähnten Dieburger Geſchlechter.? Ein Anſelm von Dieburch und ein Rudolf Grasloc(Groſchlag) folgen dann 1236 als Zeugen bei der Verlobung des Kuno von Münzenberg mit der Adelheid von Tübingen in einer Münzenbergiſchen Urkunde.

Die Macht der Kaiſer iſt im Sinken, die der Fürſten im Steigen; das kraftvolle Geſchlecht der Hohenſtaufen eilt einem tragiſchen Untergange entgegen.

In dieſer Zeit tritt Dieburg, in herrſchaftlichem und fürſtlichem Beſitz, ins Licht der Geſchichte.

Aus den Jahren 1218 oder 1219 datiert ſein älteſtes Stadt⸗ recht. Intitulatio fundationis et juris civitatis et castri in Dippurc et jus dominorum eiusdem loci. Als Begründer von Dieburg wird hier ein Herr Heinrich von Dieburg genannt, im Beſitz be⸗ finden ſich die beiden Brüder Werner und Philipp von Bolanden. Um die junge Gründung zu heben, erhalten die Bewohner ver⸗ ſchiedene Freiheiten. Wer Jahr und Tag in Dieburg wohnt, ohne daß ein auswärtiger Herr Rechte an ihn geltend gemacht hat, braucht niemandem zu dienen als den Herrn von Dieburg. Wer in Die⸗ burg heiratet und wohnt, genießt das gleiche Recht. Bei einem Todes⸗ fall ſind die Erben von der üblichen Erbſchaftsſteuer, dem Buteils und Herrenrecht, befreit. Münze und Kriegsſteuer ſteht den Herrn von Bolanden zu. Am Feſte des hl. Baſilius zahlt jedes Acker⸗ land(area) 6 Denare Zins; von dieſer Grundſteuer hat jedoch Herr Heinrich bis zur Vollendung der Befeſtigung die Bürger befreit.

Die Herrn von Bolanden ſind auch die Schutzherrn der Altſtadt und von Holzhauſen ſowie des Dieburger Markwaldes. Hier werden alſo zwei Vororte von Dieburg erwähnt; die Altſtadt, curia in vetere civitate, iſt die Stätte der alten römiſchen Niederlaſſung,

*Eginhard: De translatione sanctorum Martyrum Petri et Mar- cellini in Monument. Germaniae histor. Bd. XV, tom. 1. S. 250, benutzt bei Dr. P. Bruder: Die heiligen Martyrer Marcellinus und Petrus, Mainz, Kirchheim 1878.

Bär: Beiträge zur Mainzer Geſchichte I. S. 63 und 123.

³ Steiner: Geſchichte der Stadt Dieburg§ 3 S. 10 und 11.

¹ Heſſiſches Archiv II. 352 353.

* Nach Du Cange(Glossarium mediae et infimae Latinitatis, Paris 1733) bedeutet Buteil(Budteil, Budtel) das Recht auf das Haus⸗ gerät eines Verſtorbenen auf Grund der Verwandtſchaft(nach einer Ur⸗ kunde Friedrichs I. vom Jahre 1180).