Aufsatz 
Festschrift zur Einweihung des Neubaues der höheren Bürgerschule zu Dieburg am 6. August 1908
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

war der Bachgau von zwei Bächen, der Gerſprenz und der Müm⸗ ling. Vom Kinziggau ſchied ihn der Main. In der Erinnerung des Volkes leben der Bachgau und der Rodgau heute noch fort, nur die Kenntnis der Grenzen hat ſich verwiſcht, ſie waren übrigens immer etwas flüſſig, ſo daß wohl dasſelbe Dorf ge⸗ legentlich zu dieſem oder jenem Gau gezählt wird.

Es iſt eine glanzvolle Periode deutſcher Geſchichte vom Auf⸗ ſteigen des fränkiſchen Majordomus(Hausmeiers) bis zum Unter⸗ gang der Hohenſtaufen, und in dieſer ganzen Zeit iſt von Dieburg noch nicht die Rede, während in zwei Nachbarſtädten, Seligenſtadt und Groß⸗Umſtadt, ſich ein reiches geſchichtliches Leben entfaltet.

Wo die Richerbach aus dem Gebirge in die Ebene tritt, Wald, Wieſen und fruchtbares Ackerland benetzend, da finden wir ſchon frühzeitig eine fränkiſche Niederlaſſung, 741 unter König Childerich, 768 unter König Pippin wird ſie erwähnt als Aut⸗ mundſtatt(locus, villa Autmundi). Eine Kirche hat ſie ſchon, eine Baſilika, dem hl. Petrus geweiht; Karlmann, Majordomus unter König Childerich, verleiht ſie 741 dem Bistum Würz⸗ burg, und ſein Bruder Pippin, erſter König der Franken, verleiht 768 die Villa Autmundiſtatt mit allem Zubehör dem Kloſter Fulda.

So faßte die Stiftung des hl. Bonifatius hier feſten Fuß. Durch Rodungen und Siedlungen ſchuf ſie ſich nach und nach, wie in der Wetterau die Fulder Mark, ſo auch hier ein beträcht⸗ liches Landgebiet. Den Kern dieſes Gebietes bildeten die Orte Umſtadt, Klein⸗Umſtadt, Richen, Semd, Dorndiel. Nachdem Kur⸗ pfalz die Abtei Fulda im 13. und 14. Jahrhundert allmählich aus dieſem Beſitz verdrängt hatte, erfolgte die Belehnung an die von Erbach, Löwenſtein Hanau, an die Wambolde und die Ganſe von Otzberg, doch immer noch nach fuldiſchem Recht.

Was der Kultur des frühen Mittelalters das eigenartige Ge⸗ präge gibt, iſt die enge Verbindung von Kaiſertum und Papſttum, mehr noch jenes geheimnisvolle Ineinanderwirken von weltlicher Tatkraft und religiöſer Inbrunſt, von irdiſcher Klugheit und kirch⸗ licher Gläubigkeit.

Hier in unſerer Nähe, in Seligenſtadt, können wir dieſes Ineinanderweben und ⸗wirken ſo recht beobachten.

Man leſe, wie der geſchickte Baumeiſter und ſtaatskluge Ge⸗ heimſchreiber Karls des Großen, Eginhard, die Leichen der beiden Märtyrer Marzellinus und Petrus mit einer wunderbaren Miſchung von Frömmigkeit und Liſt durch ſeinen Notar Ratleich aus Rom entführen und nach Michelſtadt im Odenwald bringen ließ, dann, durch Wunder gemahnt, nach Obermühlheim a. Main überführt, dort über den Gräbern der Heiligen Kirche und Kloſter gründet, die dem jetzt Seligenſtadt genannten Ort eine Bedeutung ver⸗