Aufsatz 
Geschichte des Großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt : Festschrift zur Feier des 250jährigen Jubiläums dieser Schule am 23. und 24. April 1879 / Von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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1793 ſchreibt Director Wenck: Der bisherige Sing Chor war durch mancherlei Umſtände ſehr herabgekommen. Am meiſten ſchadete ihm der veränderte Geiſt der Zeiten. Man achtete nicht mehr auf dieſe lärmende Straßenandacht, die eben ſo wenig aus dem Herzen kam, als ſie bei andern zu Herzen ging. Außerdem ſahen die Eltern wohl ein, daß ihre Kinder durch das beſtändige Chor⸗ und Leichenſingen an das Herumlaufen gewöhnt, von häuslicher Sittſamkeit und Fleiß entfernt und in den Caaſſenlectionen auf mancherlei Art geſtört würden. Der ſteigende Ehrgeiz der Jugend gab dieſen Gründen noch mehr Gewicht. Es meldete ſich daher zuletzt kein Schüler mehr zum Chor, und zwingen konnte man doch niemand. Darauf hatte man bisher nur gewartet, um auch hier dieſe der Moralität ſowohl als dem Unterricht ſo mancher junger Leute in vieler Hinſicht nachtheilige Anſtalt, gegen die ſich die beſten Pädagogen längſt erklärt hatten, die aber doch in ihrer Einträglichkeit noch immer einige Schutzwehr fand, nach dem Beiſpiel anderer Gymnaſien ganz eingehen zu laſſen.

Darauf hin wurde eine Fürſtliche Verordnung erlaſſen, wodurch der Singchor ganz aufgehoben und der Unterricht im Singen künftig allen Schülern des Pädagogs ohne Unterſchied,ſoviel ihrer dazu Luſt haben, und zwar ganz unentgeltlich ertheilt werden ſollte.

1799 wird das Cantorat ganz von dem vierten Lehramt getrennt und der Hofmuſikus und Stadt⸗ organiſt Langheinz zum Cantor ernannt mit 75 fl. an Geld, nämlich 18 fl. aus der Fürſtl. Rentey, 20 fl. 34 kr. aus der Pädagogialkaſſe, 11 fl. 6 kr. aus hieſiger Bürgermeiſterey und 25 fl. aus der Synodal⸗ kaſſe; ferner aus der Collectorei 4 Malter Korn und 4 Malter Gerſte, und aus der herrſchaftlichen Wal⸗ dung 2 ½ Klafter halb Eichen⸗ und halb Buchenholz.

Später übernahm den Geſangunterricht der berühmte Organiſt Rinck; nach ihm der Muſiklehrer Adam Struth.

XI. Die Schüler.

Die Schüler waren in der älteren Zeit zum großen Theile Auswärtige; ſo ſind 1651 in der Matrikel unter 92 Schülern nur 43 aus Darmſtadt angeführt, dagegen 10 aus Gießen, mehrere Wetzlarer, Alsfelder und ſogar 3 Holſteiner. Aus Darmſtadt ſelbſt erhielt die Anſtalt zunächſt die Söhne der Be⸗ amten, dann aber auch Bürgersſöhne, die jedoch gewöhnlich nur die letzte oder im günſtigen Falle die vorletzte Klaſſe abſolvirten und von der klaſſiſchen Bildung ſelten mehr als einige halbverſtandene lateiniſche Wörter und Redensarten mitbrachten, die ſie dann bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten mit einem gewiſſen Stolze anzuwenden pflegten. Zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts trieb der Mangel an anderweitigen höheren Schulen ſämmtliche wohlhabende Einwohner dazu, ihre Söhne bis in die Ober⸗ klaſſen dem Gymnaſium zu überlaſſen, auch wenn ſie kein Studium beabſichtigten. Dieſe von den lateiniſchen und griechiſchen Lectionen befreiten ſog.Teutſchen waren eine wahre Plage für das Gymnaſium und ſind erſt durch die Errichtung der Realſchule auf einen paſſenden Bildungsweg gewieſen worden.

Die Exemtion war Sache des Rectors, der aber das Lehrercollegium zu Rath ziehen mußte; eine eigentliche Prüfung fand nur ausnahmsweiſe ſtatt. Die Klagen über ungehörige Exemtionen und unbe⸗ fugte Aufnahme nicht gehörig vorbereiteter Leute auf den Univerſitäten ſind ein regelmäßiger Poſten in den Acten.

Mit Bezug hierauf verordnet 1670 Landgraf Ludwig VI., daß die Univerſität Gießen keine Schüler aus geringen Land⸗ und Trivialſchulen aufnehmen ſollte, ſie ſeien denn von dem Decano der philoſophiſchen Facultät in Gegenwart des Pädagogiarchen examinirt worden. 1786 ſollen die studiosi aus der Ober⸗ und Niedergrafſchaft Katzenellnbogen, welche keine Exemtions-Scheine vom Paedagogium zu Darmſtadt nähmen, ſogleich dem Consistorium angezeigt werden, damit ſie der Univerſität ſogleich bemerklich gemacht werden könnten. Wenck ſchreibt hierüber: Ehemals war der Gebrauch, daß der Rector in der letzten Woche vor Examen die oberſten Schüler jeder Claſſe, ſoviel ihrer ungefähr zur Promotion in Vorſchlag kommen konnten, ein Exercitium ſchreiben laſſen; welches aber der Rector Walther zuerſt in Abgang hat kommen laſſen. Vermöge der neuen Statuten iſt die Sache wieder in ihre Richtung gekommen.